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Briefe Paul Celans aufgetaucht : Vom Fiepen der Zeit

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Paul Celans neu entdeckter, unveröffentlichter Brief an eine unbekannte Frau namens „Hannele“. Bild: Stargardt/Bertrand Badiou

„Kein Anschluß ans Leben“: Neu aufgetauchte Briefe Paul Celans an eine unbekannte Geliebte werfen ein Licht auf sein Schreiben und Leben. Im März werden sie versteigert – und könnten unerforscht verschwinden.

          Ein Lauffeuer rast durch die Lyrik-Republik, eine elektrisierende Nachricht für Kenner, Leser und Sammler Paul Celans. Der bedeutendste deutschsprachige Poet des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Leben und Werk wie die letztgültige Verdichtung der Traumata und verlorenen Träume dieses Säkulums wirkt, hat immer noch Geheimnisse. Fünf handschriftliche Briefe Celans sind jetzt aufgetaucht, angekommen gleichsam aus der Tiefe der Zeit.

          Sie richten sich an eine unidentifizierte – und wohl nur kurzzeitige – Geliebte namens „Hannele“ (Johanna?). Enthalten sind drei eigenhändige Gedichte mit kleinen Abweichungen gegenüber den bekannten Fassungen sowie ein Typoskript. Versteigert wird das Konvolut am 12./13. März im Berliner Hotel Bristol im Rahmen der März-Auktion der Autographenhandlung J.A. Stargardt, die auch für die Echtheit der Briefe bürgt. Der Verkäufer möchte anonym bleiben. Gegenbriefe scheinen nicht überliefert zu sein. Der Inhalt der Schreiben ist bislang völlig unbekannt, der F.A.Z. liegen jedoch exklusiv Auszüge in Transkription vor.

          Die Briefe stammen aus der frühen, eher unglücklichen Pariser „Exilzeit“ des Dichters, ja, wichtiger noch: aus dem entscheidenden, dem Wende- und Durchbruchsjahr 1951, nur Wochen bevor Celan (im November) seine spätere Ehefrau Gisèle de Lestrange kennenlernte und die Deutsche Verlags-Anstalt die Publikation seines ersten veritablen Gedichtbands zusagte: „Mohn und Gedächtnis“ erschien Ende 1952; vorausgegangen war 1948 eine kleine, fehlerhafte, auf Wunsch des Autors vom Markt genommene Publikation in Wien. Im Jahr 1952 reist Celan erstmals in die Bundesrepublik, um an einem Treffen der Gruppe 47 teilzunehmen, mit mäßigem Erfolg. Aber der Ruhm sollte folgen.

          Der beschwerliche Weg nach Paris

          Zum Zeitpunkt der Briefe war der Dichter einunddreißig Jahre alt und hatte einen dornenreichen Weg hinter sich. Geboren und aufgewachsen in der multinationalen Kulturmetropole Czernowitz, damals Rumänien, erlebte Paul Antschel (aus „Ancel“ wurde erst 1947 „Celan“) deren Schändung mit: 1940 zog die Rote Armee ein, 1941 die rumänische Armee, gefolgt von der deutschen SS.

          Der Lyriker Paul Celan (1920-1970) wuchs in einer deutschsprachigen jüdischen Familie im rumänischen Czernowitz auf.

          Aus dem glücklichen jüdischen Studenten wurde ein Zwangsarbeiter im Straßenbau. Im Jahr 1942 wurden beide Eltern Pauls im KZ Michailkowka ermordet. Unter diesem Eindruck schrieb Celan 1944 das vielleicht wichtigste Poem des vergangenen Jahrhunderts, „Todesfuge“, jenes alle Schleier wegreißende und dennoch oft als sublimierend missverstandene Gedicht, das Adornos Diktum – „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – widerlegte, noch bevor es gesagt war.

          Als Jude hatte man nach 1944 auch die neuen, russischen Machthaber in Czernowitz zu fürchten. So ging Celan 1945 nach Bukarest, wo er auflebte, bevor man auch dort nicht mehr sicher war. Im Jahr 1947 floh er nach Wien. Dort stand er mit der Avantgarde in Beziehung und begann eine schwierige Liebesbeziehung mit Ingeborg Bachmann. Immer noch ruhelos, beschloss Celan 1948, das seit Jahren ruhende philologische Studium in Paris fortzusetzen.

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