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Briefe Paul Celans aufgetaucht : Vom Fiepen der Zeit

  • -Aktualisiert am

Wir sehen dem Dichter hier gewissermaßen bei der Arbeit zu. So hat Celan das Gedicht „Brandung“ beigefügt, das er „vorgestern“ geschrieben habe. Der Brief ist auf Sonntag datiert, das müsste der 16. September 1951 sein (auch „Brandung“ wird bislang auf diesen Tag datiert). Es heißt in der offenbar sehr frühen Fassung äußerst ungewöhnlich: „Die Zeit, aus feinem Sande, fiept in meinen Armen“. Dafür findet sich in der Werkausgabe kein Beleg.

Das wiederum würde sich durch den Brief vom 28. September erklären, in dem steht: „ersetze bitte das ein wenig ungeschickte ‚fiept‘ durch ‚singt‘“. Selten hinterlassen frühe Überarbeitungen überhaupt Spuren, noch seltener selbstkritische. Auch „Wasser und Feuer“ könnte nun in einer Frühfassung vorliegen, denn wie in einem Claire Goll gewidmeten Manuskript (datiert „September 51“) taucht der „Maßholder“ auf – später ersetzt durch „Eiben“ –, anders aber als in den bekannten Versionen heißt es nur hier „Der Tisch wogt nachtein und nachtaus“. Durchgesetzt hat sich die ungebräuchlichere Wendung „nachtaus und nachtein“.

Auszüge werfen Fragen auf

Darüber hinaus enthalten die Briefe wunderschöne Passagen von sentenzenhafter Wucht: „Ja, Paris muß man sich ebenso erfinden wie alles übrige, sonst besteht es nicht“. Es finden sich schwermütige Zeilen von eigener Eleganz: „Bei mir nicht viel los. Tasten.“ „Kein Anschluß ans Leben: auf diese Formel ließe sich wohl das meiste bringen, was sich gebeten oder ungebeten gegen die Mitte drängt – kein richtiger, verpflichtender, notwendiger Anschluß an das, was man sein eigen nennt.“

Ulrich von Bülow, Leiter der Abteilung Archiv im Literaturarchiv Marbach, das den Nachlass von Paul Celan bewahrt, hebt im Gespräch mit der F.A.Z. auf eine Stelle ab, an der Celan die französische Übersetzung der „Todesfuge“ durch den genannten Bosquet kommentiert: „mit einigen nicht mehr gut zu machenden Fehlern – na, es geht, auf Frankreich kommt es eigentlich nicht an“.

Das sei doch verwunderlich, wenn man bedenke, welchen Aufwand der Poet noch kurz zuvor betrieben habe, um seinen ersten Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ zurückzuziehen, weil er Druckfehler enthielt. Man erfahre in den Briefen viel über Celans Leben in Paris: „Sie hätten daher gut in die aktuelle Marbacher Ausstellung ‚Die Erfindung von Paris‘ gepasst. Erstaunlicherweise verwendete Celan eine ganz ähnliche Formulierung, die zugleich eines seiner poetischen Prinzipien enthält.“ Wer die Adressatin sei, werde die Forschung sicher bald herausfinden, wenn das Material einmal vorliege.

Hoffen auf den richtigen Käufer

Von Bülow bekräftigt, dass das Marbacher Archiv – ohne Zweifel der am besten geeignete Ort für die „Hannele“-Briefe – an einem Ankauf interessiert sei. Celan erziele allerdings üblicherweise hohe Preise, der Liebhaber wegen. Sollte die aufgerufene Summe die finanziellen Möglichkeiten Marbachs übersteigen, könne man nur auf einen noblen Gönner hoffen wie jüngst im Falle der Erwerbung des Kafka-Manuskripts „Richard und Samuel“ (im Mai 2018).

Das Interesse der Forschung an Paul Celan sei jedenfalls enorm, auch deshalb wolle man in Marbach möglichst alle Gedichtfassungen beisammen haben. Briefe Celans würden ohnehin regelmäßig angekauft, und zwar nicht nur aus produktionsästhetischem Interesse.

Celans als schwierig geltende Lyrik folge ja dem Prinzip, reale Daten im intertextuellen Raum neu zu verorten: „Biographische Details tragen daher bei Celan oft unmittelbar zum Textverständnis bei.“ Und wohl nur ein einziges Mal in der gesamten deutschen Literaturgeschichte hat die Zeit für einen kurzen Moment ‚gefiept‘. Diesen Moment gilt es festzuhalten.

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