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Briefe Paul Celans aufgetaucht : Vom Fiepen der Zeit

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Briefe der Hoffnung

Frankreich wurde seine Heimat, 1955 erfolgte gar die Einbürgerung. Zunächst aber war er auch hier ein Gestrandeter. Fünf Jahre lebte er in einem Hotel, studierte, arbeitete als Übersetzer und in einem Elektrizitätswerk. Er verschickte unermüdlich Gedichtkonvolute an Kritiker und Kollegen, dichtete aber nur wenig. Die literarische Szene fehlte ihm. Auch die Begegnung mit dem Lyriker Yvan Goll, dessen Witwe Celan später mit unbegründeten Plagiatsvorwürfen verfolgen sollte, führte schon 1951 zu einer ersten Verstimmung. Goll war nicht einverstanden mit Celans Übersetzungen seiner französischen Gedichte ins Deutsche.

Von Alltagssorgen, drückender Unzufriedenheit in der Fremde und dem Leiden an den Dämonen der Erinnerung wissen wir unter anderem aus den Briefen an die junge Sängerin Diet Kloos, mit der Celan ab August 1949 eine Liebesbeziehung unterhielt. Der Versuch, Ende 1950 in Paris die Beziehung mit Ingeborg Bachmann wiederaufleben zu lassen, schlug fehl. In diese ungefestigte Zwischenzeit fallen die jetzt versteigerten Briefe.

„Hannele“ plante offenbar nach einer „Operation“ einen Aufenthalt in Paris „in zwei Wochen“ (Celan nennt Preise für „Zimmer...im Quartier“): „Die ersten Schritte – darf man dich ein wenig darum beneiden? Neubeginnen ist immer schön, die Welt hat sich wieder ganz weit geöffnet: diesmal macht mans bestimmt besser als vorher. Das wollen wir denn auch versuchen, ja? Mach also auch für mich ein paar erste Schritte – ich habe es wirklich nötig.“

Es neues Licht auf Celans Beziehungsleben

Dass die Angesprochene mehr war als eine Bekannte, macht eine der Zuschriften wahrscheinlich: „Mein Liebstes“, heißt es in der Anrede. Obgleich er „sehr lange gesäumt habe“, seien die Gedanken „immer bei Dir“ gewesen. Interessanterweise geht aus demselben Brief hervor, dass die Adressatin im August 1951 gemeinsam mit Celan in London war: „am Vorabend unserer Englandreise“, heißt es.

„Das hat mich sehr erstaunt“, sagt Barbara Wiedemann, die wohl beste Kennerin von Werk, Leben und Korrespondenz Paul Celans: Der Dichter habe in England Verwandte besucht, von einer Begleitung wisse man nichts. Überrascht vom Auftauchen einer weiteren Liebesbeziehung ist Wiedemann freilich nicht. Derzeit arbeitet die Tübinger Philologin, die schon zahlreiche Celan-Briefwechsel ediert hat, an einer großzügigen Briefauswahl, die das gesamte Beziehungsnetzwerk des Dichters sichtbar machen wird. Gern würde sie einen der fünf Briefe in den Band aufnehmen, sollten sie, wie es sich gehöre, in einem öffentlich zugänglichen Archiv landen.

Die vorliegenden Auszüge enthielten einige interessante Merkwürdigkeiten, so die Ortsbezeichnung „Freiburg“ im Briefkopf vom 28. September 1951. Keinesfalls sei damit die deutsche Stadt gemeint, auch nicht die schweizerische. Der Brief selbst legt dies ebenfalls nahe, denn Celan schreibt, er habe „Heute nachmittag“ Alain Bosquet in einer Pariser Brasserie getroffen.

Biographisch und literarisch wertvoll

Wiedemann vermutet, „Freiburg“ sei eine Art „Codewort“ für ein gemeinsames Erlebnis. „Die fünf Briefe sind wichtig“, lautet ihr Resümee, biographisch aufgrund der Anschaulichkeit (bis hin zum besetzten Hotelzimmer nach der Rückkehr aus London), literaturgeschichtlich aufgrund publikationstechnischer Aussagen, aber auch philologisch in Bezug auf die zum Konvolut gehörenden Gedichtfassungen.

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