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Dichter und Romanautor : Er war Frohburg: Guntram Vesper ist tot

Erstaunlicherweise fehlt in dieser Reihe der Verbindungen ein Begriff, der am Genauesten das Dauerthema unter den Vespers bestimmt: die Verwurzelung. Frohburg war Guntram Vesper, wie er einmal schrieb, Vaterstadt und Mutterstadt zugleich: „Sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.“ Und das ein Schriftstellerleben lang, das neunundsiebzig Jahre währen sollte.

„Welche Stellung nimmt der einzelne beim Versuch ein, Gerechtigkeit für alle zu erreichen. Welchen Wert hat er. Wie weit kann und darf man über ihn hinweggehen, über seine Einzigartigkeit, seine Unwiederholbarkeit. Wie hoch ist der Preis, der dafür bezahlt werden muß, daß man im anderen nur die Zahl, den Nutzen oder die fremde Gesinnung sieht. Was kosten unsere Träume, wenn wir sie wahrmachen. Diese Fragen, die ich von weither in meine Gegenwart mitgebracht habe, beschäftigen mich bis heute. Und bis heute habe ich keine endgültige Antwort gefunden. Das Suchen seit damals hat nicht weiter als zu einigen Sätzen geführt.“ So steht es in Vespers Essay „Über Frohburg und sich selbst schreiben“ von 1985. Er schrieb aber dabei über so viel mehr als sich selbst.

„In Höhe der Wohnzimmerfenster“

Ein Beispiel nur dafür das Gedicht „In einer kleinen Stadt“, bei dem zwar gleich die erste Zeile auf jenen Platz in Frohburg verweist, an dem das frühere Wohnhaus von Vespers Familie steht, aber das dann ausgreift in die unglückselige deutsche Geschichte der Zeit um die Geburt seines Autors: „Sie wohnten in den Häusern am Markt / unten das Geschäft und oben / die Wohnung / dahinter die Gärten zum Fluß. // So hatte das Leben begonnen und so / ging es weiter. // Achtunddreißig führten sie / das Mädchen vom Postamt / mit einem Schild um den Hals durch die Straßen // und fünf Jahre später half man, den / polnischen Knecht / nach oben zu ziehen // zwei Tage hing er / in Höhe der Wohnzimmerfenster.“

Das letzte Gedicht des „Frohburg“-Zyklus von 1985 trägt den Titel „Mein Lehrer im Zeichnen“ und erzählt etwas anderes, als man es nach diesem Titel erwarten könnte: „Irgendwann holt man / die alten Blätter hervor / und sucht / nach dem ersten Strich / der alle späteren / festgelegt hat // jedes Heft / ein anderer Ansatz / das Leben zu sehen, immer // genauer und / ärmer.“ Der Lehrer im Zeichnen, das ist das Leben selbst. Denn der erste Strich, der alle anderen festgelegt hatte, das war die Einzeichnung der Frohburger Kindheit in Vespers Gedächtnis.

„Auf dem Weg in die Schule / durch Thälmannstraße / Schlossergasse, Hintergraben / dem fernen Dröhnen aller / Aufmärsche und Umzüge nach / sah ich die Stadt wie / mich selber / halb ja und halb / nein. // Beim Einschlafen viele Jahre / das Zucken der Beine / und wenn ich aufwachte, ein / Stechen im Ohr.“ Mit Frohburg sollte es für ihn nie enden. Gestern ist Guntram Vesper in Göttingen gestorben. Für seine Leser bedeutet dieser Tod ein Stechen im Herzen.

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