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Friedrich Dürrenmatt zum 100. : Der Welt Welten entgegensetzen

Friedrich Dürrenmatt in seinem Arbeitszimmer mit seinem Kakadu Lulu, 1980. Bild: Barbara Klemm

An diesem Dienstag vor hundert Jahren wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. Als Bühnenautor war er der Plautus der Nachkriegsjahre. Was ist er uns jetzt noch?

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          Premierenabend, 7. März 1973: Auf der Bühne des Züricher Schauspielhauses steht der bedeutendste Schweizer Dramatiker der Nachkriegszeit vor dem Vorhang und wird ausgebuht. Nicht nur ein paar Laute der Unzufriedenheit sind das, sondern ein regelrechtes „Buhgeschrei“, wie der „Spiegel“ später berichtet. Auf weiter Bühne allein steht der korpulente Autor und trotzt dem Missfallen seines Publikums. Der Regisseur ist da schon unter Protest abgereist und distanziert sich noch am selben Abend von der Inszenierung, die er vergeblich versucht habe „vor seinem Autor zu retten“. Schon früh hatte Andrzej Wajda, der eine bildgewaltige Präsentation des langerwarteten neuen Dürrenmatt-Stücks „Die Mitmacher“ plante, dem übergriffigen Dramatiker Hausverbot erteilen lassen. An „seinem“ Theater, dort, wo vor sechsundzwanzig Jahren Dürrenmatts kometenhafter Aufstieg mit der Uraufführung des Stücks „Es steht geschrieben“ begonnen hatte, sperrte man ihn jetzt einfach aus.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Drei Tage vor der Premiere riss Dürrenmatt das Ruder an sich und warf das Regiekonzept für seine Komödie über einen Biochemiker, der ein Verfahren für eine spurlose Vernichtung von Leichen entwickelt hat, um. Was dabei herauskam, war der schlimmste Misserfolg seines Lebens. An diesem Abend „ging eine international erfolgreiche Dramatikerkarriere zu Ende“, notiert sein Biograph Ulrich Weber nüchtern.

          Kein genaues Bild

          Zweiundfünfzig Jahre alt war Dürrenmatt an jenem Abend, als er in Buhrufen unterging. Obwohl äußerlich gefasst („Wenn die Leute pfeifen, dann ist mir das eigentlich scheißegal, das ist ja auch eine Form von Demokratie“), erholte sich sein Theaterherz wohl nie mehr davon. Das, was er in den verbleibenden siebzehn Jahren seines Lebens noch an dramatischen Versuchen unternahm (etwa „Die Frist“ oder „Achterloo“), waren ebendas: Versuche, die keinen wirklichen Anspruch mehr auf Teilhabe am zeitgenössischen Theaterbetrieb hatten. Dürrenmatt, der in den fünfziger Jahren mit Stücken wie „Der Besuch der alten Dame“ oder „Die Physiker“ große Erfolge gefeiert hatte, war als Theaterautor bei lebendigem Leib historisch geworden.

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          Ulrich Weber, der pünktlich zum heutigen hundertsten Geburtstag von Dürrenmatt seine Biographie veröffentlicht hat, fehlt der Sinn für Melancholie, gar Tragik solcher Momente. Sonst hätte er diese Abschiedsszene ergreifender beschrieben, hätte das Epochale dieses Abends zum Ausdruck gebracht. Was genau hier zu Ende ging, welche besondere Art des Theaters, darüber erlaubt sich der Biograph kein Urteil. Seit dreißig Jahren kümmert sich Weber als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schweizerischen Literaturarchiv um Dürrenmatts literarischen und malerischen Nachlass, und sein enormes Fachwissen stellt er in einem siebenhundertseitigen Buch (erschienen bei Diogenes, im Anschluss an das 2011 erschienene tausendseitige, aber nur die erste Lebenshälfte umfassende von Peter Rüedi) unter Beweis. Das Seltsame aber ist: Auch nach der Lektüre dieser umfassenden Darstellung, die, streng chronologisch geordnet, Auskunft über die Lebensabschnitte gibt, hat man kein genaues Bild von dem, der dargestellt wird. Das wiederum hätte Dürrenmatt wahrscheinlich gefallen: von wissenschaftlicher Akribie so undeutlich gemacht zu werden, dass dabei kein Porträt herauskommt.

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