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Friederike Mayröcker : Ein Zerbrecher und Verstörer ist der Tod

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Liebesliteraturtraumpaar: Friederike Mayröcker und Ernst Jandl Bild: Reinhard Max

Jazz! Er liebte diese Stilrichtung. Am neunzigsten Geburtstag seiner langjährigen Lebensgefährtin Friederike Mayröcker kommt ihr „Requiem für Ernst Jandl“ in Wien zur Uraufführung.

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          Kein Geburtstagsständchen, nein, besser: Das gesamte Publikum im Akademietheater zu Wien erhebt sich zu Ehren von Friederike Mayröcker, um hemmungslos und ehrerbietig zu applaudieren. An ihrem neunzigsten Geburtstag, dem 20. Dezember, hat hier Hermann Beil die Uraufführung von „Requiem für Ernst Jandl“ inszeniert. Der Text entstand unter dem Eindruck des Todes ihres langjährigen Lebensgefährten Jandl im Frühsommer 2000 und erschien ein knappes Jahr später bei Suhrkamp. Die zu einem Requiem gehörende Musik komponierte Lesch Schmidt und brachte sie - er selbst am Klavier den Takt vorgebend - gemeinsam mit vier Kollegen zu Gehör.

          Nach strengen liturgischen Maßstäben fände eine solch feierliche Totenmesse freilich nur mit oder basierend auf einem gregorianischen Choral Gnade vor den Ohren der heiligen Mutter Kirche. Von diesem Aberglauben hat sich das musikalische Schaffen jedoch spätestens im 19. Jahrhundert abgewandt. Und für einen Menschen, der beinahe zwei Drittel seines Lebens in wilder Ehe, mithin nach katholischem Befund im Zustand einer besonders verwerflichen Sünde, zugebracht hat, ziemt sich so etwas gleich gar nicht. Also warum nicht völlig andere Wege beschreiten: Jazz! Ernst Jandl liebte diese Stilrichtung.

          Nicht allzu sehr versunken

          Für nicht besonders musikalisch begabte Hörer war übrigens der Anklang an die gregorianische Kirchenmusik dennoch vorhanden: Wie im zumindest idealiter ewigen Choral schien sich auch in Schmidts Komposition kein Satz vom Vorhergehenden deutlich zu unterscheiden. Höchstens mal ein heftiger Gongschlag hier, dann eine Gesangseinlage da, aber im Übrigen ein angenehm einlullender Gleichklang. Gesungen (meist) und den Text vorgetragen (seltener) hat Dagmar Manzel. Sonst in Berlin an sämtlichen Bühnen zu bewundern, ließ sie sich keine Sekunde vom lauten Klangteppich beirren.

          Noch mehr galt das für die Stimme der Dichterin selbst, denn die kam vom Band. Zu den im schwarzen Hintergrund eingeblendeten, vergrößerten, oft auf Jandl fokussierten Paarportraits von Friederike und Ernst las sie lange, gerne repetitive Passagen aus Mayröckers „Requiem“. Ein Zerbrecher und Verstörer ist so ein Tod. Ein hübscher Satz, der als Paraphrase auf die Wiedererrichter Zions (Jesaja 49:17) in der Lutherübersetzung zurückgeht. Die neuere Einheitsübersetzung des Alten Testaments will davon freilich nichts mehr wissen, und so dürfen wir getrost ein Zitat Jandls durch Mayröcker unterstellen, der es ja liebte, lechts und rinks zu velwechsern („lichtung“, in: „Laut und Luise“, 1966).

          Der beschwingte Vortrag von Dagmar Manzel trug dazu bei, dass der Abend nicht allzu sehr im Pathos versinken wollte. Ein bisschen kokettiert die Jubilarin ja stets mit solchen überhöhten Gefühlen einerseits und depressiven Verstimmungen andererseits. Man könnte meinen, bei einer Aufführungsdauer von weniger als siebzig Minuten bliebe dafür gar kein Platz. Und dennoch schwebte diese Gefahr beständig über dem Auditorium. Hermann Beil hätte sich vielleicht doch mehr einfallen lassen müssen, als Dagmar Manzel einmal, kurz vor Ende, lässig die Textzettel auf der Bühne verstreuen zu lassen.

          Wen wundert’s, dass diese „Uraufführung“ bislang noch ohne Folgetermine auskommen muss. Die Rettung aber brachten die Ovationen für die anwesende Dichterin selbst. War der Applaus für die Darbietung noch vergleichsweise schütter ausgefallen, war das Publikum nicht mehr zu bremsen, als die Schauspielerin, der Regisseur und die Jazzcombo sich vor der Schriftstellerin, in der ersten Reihe sitzend, verbeugten. So wollen wir das auch gerne in Erinnerung behalten: ein Beifallssturm für die große alte Dame der österreichischen Literatur.

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