https://www.faz.net/-gr0-16sye

Friedenspreisträger David Grossman : Der Rufer in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Schreiben, um nicht Opfer zu sein

Grossmans Roman beschreibt eine Angst, die Ora, die Hauptfigur, mit vielen Eltern des Landes teilt. Einmal gräbt Ora wie besessen ein Loch in die Erde, über die sie wandert. Sie weint ihre Tränen hinein. „Was mache ich, dachte sie, ich erzähle der Erde von ihm, warum erzähle ich ihr von ihm, und sie bekam Angst, vielleicht bereite ich sie auf ihn vor, damit sie weiß, wie sie sich um ihn kümmern muss.“ David Grossman betont oft, er schreibe, um nicht Opfer zu sein, um etwas benennen zu können. Seine Figuren sind Fluchtfiguren, doch keineswegs Eskapisten: Sie wachsen, während sie rennen, reden, fantasieren. Und sie dringen dabei manchmal in Bereiche vor, die vorher unausprechlich erschienen.

In den sechziger Jahren, als David Grossman ein Kind in Jerusalem war, gab es auch für ihn Fluchtbücher. Solche, in denen die israelische Fußballmannschaft über die deutsche gewann; oder Enid Blytons „Fünf Freunde“. „Am meisten lasen wir Bücher, die nicht von uns handelten, sondern von anderen Menschen an anderen Orten, friedlichen Orten. Wir wollten wirklich in einem englischen Garten leben! Wir nannten uns George und John, weil unsere eigenen Namen so trivial und banal für uns klangen.“

Der Mensch hinter der Rolle

Heute sucht er die Plätze auf, die ihm Angst machen. Er will das Gespräch, gerade mit Menschen, die, weil sie plötzlich zu Repräsentanten ihrer Kultur werden, als Gegner gelten. Grossman sucht den Menschen hinter seiner Rolle. Vielleicht auch: die Stimme, den Klang hinter dem vorschnell gefertigten Bild. Dies ist sein Weg zu einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts, der beide Seiten berücksichtigt.

Man fühlt bei ihm selbst und in seinen Werken diesen Resonanzraum, der so viele Nuancen kennt. Und wenn er seine beiden Hauptfiguren Ora und Avram über die Krater dieses verwundeten Landes schickt, mit Rucksack und Reden und Beißen und Schweigen und Lieben, mit allem, was menschliche Beziehung ausmacht, schwingt immer beides mit: eine vollkommene Klarheit über das Leben in Israel, über das Glück, wenn man dort vielleicht zwanzig gute Jahre hatte, in denen nichts passierte. Und eine Klage, die ihre Wurzeln hat und die Sehnsucht, endlich verebben zu dürfen. „Jemand schrieb mir, Ora sei wie eine Muse des Lebens“, erzählt David Grossman. Und tatsächlich ist sie die treibende Kraft dieses Romans. Eine Lichtfigur, aller Schrecken zum Trotz.

Berührende Polyphonie

David Grossman wanderte selbst 2003 diesen hier beschriebenen Israel Trail, sogar fünfhundert Kilometer, weiter als seine Figuren. Meistens alleine, manchmal mit Michal, seiner Frau, an speziellen Plätzen, die sie liebt. Der Weg schlängelt sich an historischen Stätten entlang, durch Johannisbrotbäume und Eichen, „in den Fußstapfen der Tannaiten und der Amoräer“, in glühender Hitze, vorbei an Kühen mit prallen Eutern – aber immer auch durch unsicheres Gelände, durch israelisch-arabische Gebiete. Man warnte ihn damals. Ein israelischer Soldat war in dieser Zeit getötet worden.

Aber nicht die Menschen, höchstens Tiere, Hunde und Wildschweine, waren bedrohlich – „alleine macht man kaum Geräusche, und so stößt man plötzlich auf sie“. Die Menschen hingegen, die Grossman traf und die ihn zum Teil erkannten, waren nett und offen. Manche ihrer Erzählungen hat er – mit ihrer Erlaubnis – in seinen Roman sogar eingearbeitet. Ihre Stimmen sind Teil dieser berührenden Polyphonie.

Normalerweise, sagt David Grossman am Ende nachdenklich, begleite er ein Buch, das im Ausland erscheine, nicht so intensiv. Diesmal, mit dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, sei das anders. Vielleicht so, wie man ein Kind am ersten Tag zum Kindergarten begleitet und hofft, dass es gut behandelt wird. Jetzt erhält David Grossman den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010.

Weitere Themen

Topmeldungen

Friedrich Merz bei einem Auftritt in Thüringen

CDU-Parteivorsitz : Merz: Keine Frauen? Kein Problem!

Friedrich Merz hält es für unproblematisch, dass sich bislang keine Frauen für den CDU-Vorsitz bewerben. „Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, wenn nach zwei Jahrzehnten mal wieder ein Mann CDU-Vorsitzender wird.“

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.