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Friedenspreisträger Boualem Sansal : Was uns Algeriens Tragödie lehrt

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Boualem Sansal in seinem Heimatland Algerien Bild: dpa

Wenn die arabische Revolution scheitert, wird der Maghreb, die Sahelzone, der Nahe und der Mittlere Osten zu einem neuen Irak. Dem Umbruch zum Erfolg zu verhelfen ist unser aller Aufgabe.

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          Wir hielten sie für unbesiegbar, ewig, unerreichbar. Und natürlich für allmächtig und allwissend. Wir waren der festen Überzeugung, sie hätten schärfere Sinne als wir, sie sähen besser, hörten besser, fühlten besser als wir. Sie besäßen zusätzliche, paranormale Sinne, einen sechsten, einen siebten, einen zehnten Sinn, die sie zu Auserwählten, zu Supermännern machten. Und sie erfreuten sich eiserner Gesundheit. Selbst krank und bettlägerig, wie es der arme Bouteflika ist und wie es auch Benali, Mubarak, Gaddafi und Saleh waren, hielten sie sich besser als wir, oder zumindest waren sie in der Lage, ihr Zittern und ihre Leichenblässe als etwas Großes erscheinen zu lassen, um all jene zu täuschen, die glaubten, sie wären am Ende. Man bewunderte sie sogar ein wenig, man hielt sie für geniale Opportunisten, und tatsächlich verstanden sie es, ihr Fähnchen stets nach dem Wind zu drehen und von einem -ismus zum nächsten zu springen, vom stählernen Sozialismus zu einer Kreuzung aus Liberalismus und schwarzem Islamismus und selbst noch aus einem Demokratismus mit Tomatensauce.

          Aber plötzlich erscheinen uns diese Übermenschen, die doch die Fähigkeit besaßen, Völker nach ihrem Bilde zu formen, neue Kulturen hervorzubringen und die Menschheit in eine strahlende Zukunft zu führen, als das, was sie sind, fieberkranke Clochards, klapprige Taugenichts, verstaubte Hampelmänner, die man in einem alten Schuppen aufhängt. Sie stürzen, einer nach dem anderen. Aber gegen alle Erwartungen und obwohl wir jahrelang davon geträumt haben, empfinden wir keine Freude, dass sie nun in der Versenkung verschwinden. Befriedigung ja, aber keine Freude. Dafür gibt es einen nüchternen Grund: Wir wissen, dass mit ihrem Ende letztlich noch nichts gewonnen ist.

          Es bringt natürlich eine gewissere Verbesserung im Leben des Landes, denn nun kann man aus vollem Herzen lachen und tanzen, aber das wird nicht von Dauer sein. Nichts ähnelt der Vergangenheit mehr als eine Zukunft, die nicht mit der Gegenwart gebrochen hat. Wir sehen genau, was getan werden muss, auch wenn niemand das sagt, ja nicht einmal zu denken wagt. Wir wissen, dass wir unsere Revolte noch weiter treiben müssen, um echte Freiheit zu erlangen, die einzige, die uns die Tür zur Zukunft öffnet. Wir müssen den Kampf mit uns führen, und mit dem, was uns bei diesem Neubeginn hinderlich ist: mit der Religion, die niemals mehr war als Frömmelei; mit der Feudal- und Stammesordnung, die unsere Gesellschaften einschnürt; mit der Kultur der Unterwürfigkeit und des Schweigens, die unser Verhalten prägt; aber auch mit unserer geradezu physischen Bindung an jene Krämerwirtschaft, die uns in der Trägheit festhält und uns zu Nutznießern fremder Arbeit macht. Und wenn von Freiheit die Rede ist, sollten wir ganz vorne beginnen und die Frau aus all ihren Fesseln befreien, aus denen ihres Ehemanns, ihrer Brüder, ihrer Onkel, der Religion, des Staates, aber auch aus den Fesseln jener unsinnigen Sitten und Bräuche, die sie selbst dann in Unwissenheit halten, wenn sie zehnmal mehr Bildung besitzt als alle Männer in der Familie und im Viertel. Kurz, wir müssen den Annapurna der Verbote und des Elends besiegen, den wir in uns tragen, und nicht nur den kleinen Diktator von nebenan, der von ein paar Pfennig Bakschisch lebt.

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