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Friedenspreisträger Boualem Sansal : Ich schreibe gegen das tödliche Schweigen

Vom Trauma des algerischen Volkes erzählen: der Schriftsteller Boualem Sansal vor ein paar Tagen im Garten seines Pariser Verlags Gallimard Bild: C. Hélie / Gallimard

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei einer Begegnung in Paris erzählt er, warum er seine Heimat nicht verlässt.

          6 Min.

          Die Pforte zum Paradies ist so klein, dass man sie fast übersieht. Dabei ist die Rue Sébastien-Bottin, in der sie liegt, zwischen Pont Royal und Boulevard Saint-Germain, die kürzeste Straße von ganz Paris – mit überhaupt nur zwei Hausnummern. Entdeckt man die schlichte Holztür unter der Nummer Fünf schließlich doch, betritt man das Reich der Éditions Gallimard, so etwas wie den Louvre für Bücher. Das Stadtpalais aus dem siebzehnten Jahrhundert gehört zu diesem Verlag wie die imposante Liste der Hausautoren – Proust, Gide, Camus oder Sartre – und wie der helle Umschlag ohne jegliche Illustration, der einen Gallimard-Titel aus jedem Bücherstapel herausstechen lässt.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ist eines der siebentausend Mitglieder der großen Gallimard-Familie. Seinen Besucher lächelt er, noch bevor er in seinem Pariser Verlag auftaucht, schon von einer Fotografie herunter an. Sie hängt zwischen anderen Autorenporträts in der Eingangshalle. Dann kommt er selbst: ein zierlicher Mann mit silbernem Haarzopf. Und mit einer beiläufigen Geste bittet er den Besucher, ihm durch das Labyrinth aus verschachtelten Gängen und Treppen zu folgen. Innen also geht das Versteckspiel weiter.

          Dann öffnet er plötzlich eine Tapetentür – und wir stehen in einem Salon mit offenem Kamin, riesigen Wandteppichen und alten Möbeln, so dass man meint, hier sei die Zeit schon lange stehengeblieben. Über eine Terrasse geht es weiter in den Garten, und ausgerechnet hier, in diesem Idyll rund um einen plätschernden Springbrunnen, ist Sansal bereit, von sich zu erzählen. Der Kontrast zwischen dem, was er sagt, den Ausführungen eines Desillusionierten, und dieser Umgebung könnte größer nicht sein.

          Boualem Sansal ist der letzte bedeutende Schriftseller Algeriens, der sein Heimatland noch nicht verlassen hat. Obwohl er in ständiger Gefahr lebt, harrt er in Bourmerdès stur aus, einer Ortschaft in der Nähe von Algier. Zu verlieren hat er nur noch sein Leben, sagt er. Alles andere wurde ihm längst genommen. Doch weder das Berufsverbot noch die soziale Ächtung, ja nicht einmal die Morddrohungen konnten ihn bislang davon abhalten, Algerien zu kritisieren. Seinen Posten als hoher Regierungsbeamter verlor er schon 2003. Dann wurden seine Bücher verboten. Man zwang seine Frau, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben. Der Bruder wurde so lange mit aberwitzigen Steuerbescheiden drangsaliert, bis er seine Firma schließen musste.

          „Wir werden von einer Bande von Dieben regiert“, sagt Sansal mit kalter Wut. Anders als in den furiosen Wortkaskaden seiner Romane lässt er sich im Gespräch allenfalls zu Sarkasmus hinreißen, wenn er die Wunden seiner Heimat beschreibt, den Zynismus der Macht, den Verlust von Freiheit. Das algerische Volk werde mit Heldentaten aus der Vergangenheit belogen, „dabei leben wir seit Jahrzehnten unter einer Schreckensherrschaft – mit Unterdrückung, Bespitzelung, mit Größenwahnsinnigen an der Spitze, wie damals in der DDR oder im Rumänien unter Ceauescu“.

          Eine Front quer durch die Familien

          Tatsächlich schien auch durch Algerien der Duft von Jasmin zu wehen, als zu Jahresbeginn einige tausend Jugendliche auf die Straße gingen. Doch während die Diktaturen ringsherum wankten und stürzten, fiel das zweitgrößte afrikanische Land zehn Jahre nach Ende des blutigen Bürgerkriegs, dessen Front quer durch die Familien verlief, in ängstliche Schockstarre. Krieg, Ausnahmezustand und zweihunderttausend Todesopfer haben die Menschen traumatisiert, sagt Sansal. So versinkt das Land in tödlichem Schweigen.

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