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Friedenspreis für Liao Yiwu : Vom Studium des Überlebens

Eine mutige Entscheidung: Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Bild: dapd

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu - eine mutige Entscheidung und die beste. Denn er fordert das undurchsichtigste aller Regime mit seinen Büchern heraus.

          Liao Yiwu ist kein friedlicher Mann. Er ist ein Kämpfer. Mit den Mitteln des Worts. „Bei einem Literaten geht es nicht um Zahn um Zahn, das kann er nicht“, schreibt Liao in seinem Erfahrungsbericht „Ein Lied und hundert Lieder“, „aber er kann durch die Magie der Worte eine Gesellschaft verfluchen, die Henker hervorbringt.“ Die Gesellschaft, die hier angesprochen wird, ist die chinesische, und ihre Henker hat Liao seit 1990 kennengelernt, als er wegen seiner Gedichte über die Niederschlagung der Studentenunruhen von 1989 verhaftet und für vier Jahre eingekerkert wurde. Über die Zustände in den wechselnden Gefängnissen und die daraus resultierende Verrohung der Wärter, seiner Mitgefangenen und seiner selbst hat Liao „Ein Lied und hundert Lieder“ geschrieben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist ein Buch, wie es kein zweites gibt, obwohl es dezidiert an Solschenizyns „Archipel GULag“ geschult ist. Es gibt kein zweites solches Buch, weil jedes Opfer eines totalitären Regimes für sich alleinsteht, keines geht in der Masse auf, wie es diese Regime hoffen. „Wichtig ist weder irgendein Sinn noch irgendeine Theorie, wichtig ist das Überleben“ - das ist die Lehre, die Liao Yiwu aus seiner Leidenszeit gezogen hat. In einer autobiographischen Erzählung, die er unmittelbar nach der Freilassung im April 1994 geschrieben hatte und die in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Lettre International“ auf Deutsch erscheinen ist, erzählt der 1958 geborene Liao: „Ich habe in meinem Leben kein Universitätsstudium abgeschlossen. Alles, was ich habe, sind diese vier Jahre Gefängnis. Das entspricht einem abgeschlossenen Bachelorstudium.“ Im Fach Überleben.

          Ein Affront für die chinesische Regierung

          Darum muss man kämpfen, und das tut Liao Yiwu. Dafür erhält der streitbare Mann, der eine der mächtigsten Volkswirtschaften der Welt und das undurchsichtigste aller Regime mit seinen Büchern herausfordert, ohne es grundsätzlich in Frage zu stellen, in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

          Es ist die beste Entscheidung, die man sich denken kann und zugleich die mutigste. Der Börsenverein als Träger der Auszeichnung weiß seit der Frankfurter Buchmesse von 2009, die China als Ehrengast begrüßte, um die Empfindlichkeit des Reichs der Mitte, das in Wahrheit ein Reich der Extreme ist. Man muss harsche chinesische Reaktionen auf die Auszeichnung Liao Yiwus befürchten, und im Falle des Börsenvereins drohen auch massive ökonomische Nachteile. Schon die Flucht Liaos im vergangenen Jahr nach Deutschland, mit der er einer abermaligen Verhaftung zuvorkam, die ihm für die Publikation seines Erfahrungsberichts im Ausland angekündigt war, bedeutete einen Affront für die chinesische Regierung. Ein Mann, der kein Staatsfeind, sondern ein Wahrheitsfreund ist - solche noch schwerer einzuschätzenden Leute sieht man in China nicht gern ausreisen. Noch weniger schätzt man symbolkräftige Auszeichnungen für sie.

          Ein Schriftsteller von Weltrang

          Der Friedenspreis ist denkbar symbolkräftig. Er belohnt künstlerisches oder wissenschaftliches Engagement im Dienste der Friedensstiftung. Das wird man in Peking anders sehen. Verliehen wird der Preis traditionell am Sonntag der Frankfurter Buchmesse - diesmal am 14.Oktober - in der Paulskirche, dem Ort des ersten deutschen Parlaments, einer Wiege der Demokratie. Dass Liao Yiwu in unserem Land Zuflucht nahm, ist Ehre und Verpflichtung zugleich; wie es der Friedenspreis umgekehrt auch für ihn ist. Nur dass Liao diese Verpflichtung sicher einlösen wird: Am Tag nach der Preisverleihung soll sein neues Buch „Die Kugel und das Opium“ erscheinen, in dem Liao sich dem Massaker vom 4.Juni 1989 auf dem Tiananmen widmet. Dann spätestens ist im Gegenzug das deutsche Publikum gefordert (die deutsche Politik sowieso).

          Ausgezeichnet mit dem Friedenspreis wird aber nicht nur ein Aktivist und der Chronist jenes Chinas, das im Land selbst systematisch verleugnet und bekämpft wird: des Chinas der kleinen Leute, wie es Liao in seiner Gesprächssammlung „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ in Porträts von Menschen beschreibt, die auf individuelle Weise verzweifelt mit den Herausforderungen eines selbstherrlichen Regiments zurechtzukommen suchen. Ausgezeichnet wird vor allem ein Schriftsteller von Weltrang, der als Lyriker im Geiste von Walt Whitman und Allen Ginsberg begann, dem in der Haft das Dichten weitgehend ausgetrieben wurde und der dennoch weiterdichtete: „Inspiration, bei Leibesvisitationen konfisziert/kommt nicht wieder/selbst der Erinnerung/werden von den Fesseln Löcher geschlagen...“

          Davor hat man Angst

          So wie seine Poesie die Zwänge der Wirklichkeit bezwingen konnte, hat auch Liaos Prosa diese gewaltsam aufgerissenen Löcher in der Erinnerung überbrückt. „Soll das Leid dieser vielen Jahre vollkommen umsonst gewesen sein?“, fragt sich Liao einmal in seinem Erinnerungsbuch: „Weil die Suche nach der Wahrheit am Ende nichts anderes ist als eine Materialiensammlung?“ Umgekehrt ist es richtig: Seine Materialiensammlung ist die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Nur ist es eine Wahrheit, die den Herren über das Schicksal von 1,4 Milliarden Menschen nicht passt, weil es ihre Herrschaft in Frage stellt.

          Die Erkenntnis dieser Wahrheit verdankt sich einer kompromisslosen Haltung, die Liao Yiwu 2004 im Gespräch mit einem Landsmann nicht nur sich selbst, sondern allen herausragenden chinesischen Autoren, Künstlern, Gelehrten und Wissenschaftlern unserer Zeit bescheinigte: „Wenn sie anständig bleiben und sich einen Rest von Gewissen bewahren wollten, sind sie früher oder später unter die Räder gekommen und haben mit Partei und Volk gebrochen.“ Das weiß man in Peking, und davor hat man Angst.

          Ja, Liao Yiwu ist jemand, der Furcht verbreitet. Auch bei seinen Lesern, denn was ist das für ein Mann, der solche Demütigungen wegzustecken weiß? Es ist ein Mann, der im Frieden mit sich selbst ist. Und der Unfrieden stiftet, aber einen, der der Freiheit dient. Und ohne Freiheit gibt es keinen Frieden. Nicht in China, nirgendwo.

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