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Friedenspreis für Grossmann: Israelische Reaktionen : Balsam für Israels wunde Seele

In Grossman verkörpere sich die Tragödie Israels Bild: dpa

David Grossmans Preisgewinn ruft in Israel ein großes Medienecho hervor. Nach all der ausländischen Kritik sehen sich die Israelis in Grossmans Person zur Abwechslung einmal anerkannt. Er verkörpere die Tragödie Israels.

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          In den Rundfunknachrichten verdrängte die Meldung die gestoppten russischen Raketenlieferungen an Iran und die Gaza-Flotte sofort auf die hinteren Plätze: Auf den Internet-Seiten war der deutsche Friedenspreis für David Grossman „Breaking News“ und im Fernsehen bereiteten die Nachrichtenmagazine für den Abend größere Beiträge vor. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit nannte Grossman die Auszeichnung in einem ersten Radiointerview als Unterstützung für die Israelis, die sich weiter um Kompromiss und Dialog mit ihren Nachbarn bemühen. Das sei gerade jetzt wichtig, da sich Israel isoliert und oft klischeebehafteten Vorwürfen ausgesetzt sehe.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nach aller Kritik aus dem Ausland wegen der Gaza-Flotte sei es einfach wohltuend, dass Israel auch einmal Anerkennung finde, interpretiert Benny Ziffer die ersten begeisterten Reaktionen; erst kurz zuvor hatten Absagen ausländischer Musiker wie von der Gruppe „Pixies“ und Elvis Costello viele Israelis bedrückt. Für den Literaturchef der israelischen Zeitung „Haaretz“ hat Grossman den Preis aus mehr als einem Grund verdient: „Durch seine Bücher wie auch durch seine Biographie ist er zu einer nationalen Figur geworden, die die Tragödie Israels verkörpert“, sagt Ziffer. Damit spielt er darauf an, dass Grossman, der der friedensbereiten israelischen Linken angehört, während des Libanon-Kriegs im Jahr 2006 zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe seinen Sohn Uri verloren hat. Grossman halte an seinen Prinzipien fest, habe sich aber nie so sehr in der Tages- und Parteipolitik engagiert, wie beispielsweise sein Landsmann Amos Oz, der dadurch in Israel an Lesern verloren habe.

          Ein sanfter Linker und einer der bedeutendsten Intellektuellen

          Das bedeutet jedoch nicht, dass Grossman sich politisch zurückhält: In der vergangenen Woche hatte er sich erst auf der Titelseite der Zeitung „Haaretz“ sehr kritisch mit der Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ für Gaza auseinandergesetzt. Immer wieder nimmt er an den Demonstrationen im Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Jarrah teil. Jeden Freitag wird dort gegen die Vertreibung arabischer Bewohner durch Juden protestiert, die den Siedlern nahestehen. „Grossmann gehört eher der sanften israelischen Linken an“, meint David Witzthum, der im israelischen Fernsehen eine der wichtigsten Nachrichtenmagazine moderiert. Er sei einer der „bedeutendsten Intellektuellen Israels“, der aber auch weit über sein politisches Lager hinaus Leser habe, sagt Witzthum, der früher auch Korrespondent in Deutschland war.

          Das bestätigt Grossmanns israelischer Verlag „Ha Kibbuz ha meuhad“ in Tel Aviv. Mit mehr als 140000 verkauften hebräischen Exemplaren seines jüngsten Romans „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ habe der Autor in dem kleinen Land andere Bestseller schon weit übertroffen. „Das Buch spricht alle Generationen und drückt aus, wie sich Israelis selbst sehen“, sagt Avram Kantor, der das Buch mit herausgegeben hat, über dessen Erfolg. Dass der eigentlich sehr israelische Roman im Ausland so gut angekommen ist, hat den stellvertretenden Leiter des Verlags überrascht: Auch wenn das Buch lokal stark verwurzelt sei, greife es offenbar Themen auf, die auch für Menschen anderswo auf der Welt von Bedeutung seien, vermutet Kantor.

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