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Friedenspreis für David Grossman : Die Kunst der Fuge

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Die Verleihung des Friedenspreises an David Grossman findet während der Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober in der Paulskirche statt. Bild: AP

Nach achtzehn Jahren wird wieder ein israelischer Schriftsteller mit dem Friedenspreis bedacht. Er wird einem Autor zuerkannt, dessen Bücher ein großes Wissen um die Zerbrechlichkeit des Menschen ausdrücken. Eine richtige Entscheidung, literarisch wie politisch.

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          Er sagt: „Ich wünsche mir sehr, dass die Palästinenser ihren Staat bekommen.“ Aber auch: „Israel ist der einzige Ort, an dem Juden so etwas wie ein ,Zuhause‘ schaffen können.“ Und vor allem: Wenn jemand nach der Lektüre seiner Werke verwirrter sei als zuvor, habe er sein Ziel erreicht. Denn „dann hat derjenige verstanden, wie vielschichtig dieser Konflikt ist“. David Grossmans unermüdliches Engagement für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern würdigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jetzt mit der Zuerkennung des Friedenspreises. Im sechzigsten Jahr der Ehrung ist dies, nach einigen zuletzt umstrittenen Preisträgern, eine gute, überzeugende, eine freudige Entscheidung, literarisch wie politisch.

          Denn wo die Bücher mancher bedeutender Autoren wie Steine sind, mit denen sich Gebäude, Mauern oder Bollwerke errichten lassen, gehört David Grossman zu jenen Schriftstellern, deren Werke Festigkeit mit Nachgiebigkeit verbinden, die nicht Stein sein wollen, sondern Mörtel, der die unversöhnlichen Elemente zusammenhält. Von dieser Beschaffenheit, diesem freundlichen Fluidum ist die Literatur des David Grossman. Und da die Lücken zwischen Menschen und Auffassungen, Staaten und Nationen so leicht von platten Parolen, Vorurteilen, Apathie, Zynismus und Schweigen verstopft werden und so vom Riss zur Spaltung führen, hat er sich der Kunst der Fuge, des Zwischenraums, verschrieben. Ihn füllt er mit Schicksalen, Erinnerungen, Gesprächen, mit Gesten der Zuwendung und Aufmerksamkeit, aber auch mit klaren Analysen, entschiedenen Warnungen und Appellen. Wem bei diesem Bild die Gebetszettel in den Ritzen der Klagemauer in Jerusalem vor Augen stehen, liegt nicht ganz falsch, denn es geht bei diesem Autor stets auch um die Hoffnung auf Resonanz – allerdings eine menschliche, keine göttliche.

          Im Ausland so viel Respekt, wie Kritik in der Heimat

          1954 in Jerusalem geboren, wuchs David Grossman auf in einer Familie, „wo die Menschen nicht in der Lage waren, das Wort ,Deutschland‘ auch nur auszusprechen und auch nicht den Begriff ,Schoa‘, sondern wo man lediglich davon sprach, ,was dort geschah‘“. Als er Ende der achtziger Jahre seinen Posten als Hörfunkredakteur beim staatlichen „Radio Israel“ verlor, weil er Jassir Arafats Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat mehr Raum geben wollte, als es seinen Vorgesetzten passte, hatte er bereits zwei Romane, darunter das frühe Meisterwerk „Stichwort: Liebe“ (1986), sowie die Reportagesammlung „Der gelbe Wind“ (1987) veröffentlicht. Mit „Der geteilte Israeli“ (1992), das die Lage der Araber in Israel nachzeichnet, folgte ein weiteres, für die Verständigung mit den Palästinensern und ein Einlenken Israels plädierendes Werk, das Grossman im Ausland so viel Respekt wie in seiner Heimat Kritik eintrug.

          Zwar hat David Grossman, den unsere Leser auch aus seinen zahlreichen klugen Artikeln zu Israel kennen, hierzulande bereits wichtige Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Geschwister-Scholl- und den Albatros-Preis. Doch kommt der Friedenspreis im rechten Moment – nicht nur, was den von den jüngsten Ereignissen angefachten Nahost-Konflikt angeht, sondern auch im Werk des sechsundfünfzigjährigen Autors. Denn mit dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ hat Grossman sein bisher wichtigstes Buch vorgelegt, ein Werk, das es verdient, mit der grandiosen „Geschichte von Liebe und Finsternis“ seines Landsmanns Amos Oz in einem Atemzug genannt zu werden. Dass dieser als bisher letzter israelischer Schriftsteller mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, ist übrigens auch schon wieder achtzehn Jahre her.

          Wissen um die Zerbrechlichkeit

          Grossman ist ein behutsamer, einfühlsamer Erforscher dessen, was Menschen verbindet, sei es die Erfahrung der Schoa in „Stichwort: Liebe“, etwas, das man liebt, wie in den mitreißenden Jugendbüchern „Das Zickzackkind“ (1996) und „Wohin du mich führst“ (2001), oder bloß eine unaussprechliche gemeinsame Sehnsucht, wie in „Sei du mir das Messer“ (1999). Oft verbindet sie auch ein Schmerz. Wenn Ora, jene Frau, die im Roman vor der möglichen Nachricht flüchtet, dass ihr Sohn im Krieg gefallen sein könnte, sich fragt, warum sie, als der Sohn sich freiwillig meldete, den Zwängen des Krieges eher gefolgt ist als ihren Instinkten als Mutter, liest man das im bedrückten Wissen, dass Grossmans Sohn Uri am 12. August 2006, kurz vor Ende des zweiten Libanon-Krieges, starb, auch als zutiefst berührende Gewissenserforschung des Autors, der mit der Arbeit an dem Roman zu diesem Zeitpunkt indes schon weit gediehen war.

          Grossmans Poetologie bringt denn Ora auch am besten zum Ausdruck. „So viele Momente, Stunden, Tage, Millionen von Handgriffen, unzählige Unternehmungen, Versuche, Fehler, Gespräche und Gedanken, alles um einen einzigen Menschen auf der Welt zu schaffen“, schreibt sie im Gedanken an ihren Sohn. Und fügt hinzu: „Einen Menschen, der so leicht zu vernichten ist.“ Dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit strahlen nicht nur seine Bücher aus, sondern auch der Autor selbst, der in seiner zurückhaltenden Art zu den eindrucksvollsten Persönlichkeiten der internationalen Literatur gehört.

          Für ihn, so hat es David Grossman in seiner Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals 2007 beschrieben, bewirke ein gutes Buch ein „inneres Aufklaren“. Diese berückende Wirkung großer Literatur lässt sich in seinen Werken unbedingt erleben.

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