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Autorin aus Simbabwe : Friedenspreis für Tsitsi Dangarembga

Erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021: Die simbabwische Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga Bild: Mateusz Zaboklicki/Börsenverein des Deutschen Buchhandels/dpa

Die Romane der diesjährigen Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels sind sowohl literarisch wie gesellschaftspolitisch eindrucksvoll. Mit Tsitsi Dangarembga wird eine klaffende Lücke im Preisgefüge der jüngeren Zeit geschlossen.

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          Wenn Tsitsi Dangarembga am 24. Oktober, dem letzten Tag der – hoffentlich – in diesem Jahr wieder real stattfindenden Frankfurter Buchmesse, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommt, geht eine lange Pause zu Ende. Nicht nur die pandemiebedingte, während derer der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen 2020 nicht nach Frankfurt reisen konnte, um den Preis entgegenzunehmen, nachdem der brasilianische Fotograf Sebastiao Salgado im Vorjahr noch am traditionellen Ort in der Paulskirche ausgezeichnet wurde. Sondern auch die sogar schon vierjährige Pause, seit zuletzt ein belletristisches Werk für prämierungswürdig gehalten wurde. Es war das von Margaret Atwood; die Kanadierin war 2017 die bislang letzte Schriftstellerin als Friedenspreisträgerin. Und jetzt eben Tsitsi Dangarembga.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wer ist diese Frau? In Deutschland ist die 1959 in Simbabwe, das damals noch als englische Kolonie den Namen Rhodesien trug, geborene Schriftstellerin noch immer weitgehend unbekannt, obwohl sie nicht nur als erste schwarze Schriftstellerin ihres Landes gilt, die einen Roman veröffentlicht hat, sondern dort höchst populär ist –  auch als Filmemacherin. Ihr jüngster Roman, „This Mournable Body“, war im vergangenen Jahr für den Booker Prize nominiert, die wichtigste britische Literaturauszeichnung. Es ist der dritte Teil der Lebensgeschichte eines Mädchens namens Tambudzai, bei der die autobiographischen Bezüge klar erkennbar sind.

          Nur der winzige Berliner Orlanda Verlag, der sich der Publikation von Büchern für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Rassismus verschrieben hat, wagte sich in den letzten Jahren an eines von Tsitsi Dangarembgas Büchern: den Roman „Aufbrechen“, ihr Debüt aus dem Jahr 1988 (unter dem Originaltitel „Nervous Conditions“) und Auftaktband zur Tambudzi-Trilogie, in der schon 1991 für Rowohlt enstandenen Übersetzung von Ilija Trojanow. Damals hatte das Buch unter dem Titel „Der Preis der Freiheit“ keinen Erfolg. Wunderbar, dass der verlegerische Mut zur Neuausgabe durch die preisbedingt wohl einsetzende Prominenz der Autorin jetzt belohnt werden wird. 

          Ein wichtiges Signal

          Nun ist der 1950 begründete und mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels der Satzung nach kein reiner Literaturpreis, er gilt explizit auch Vertretern von Wissenschaft und Kunst, die in „hervorragendem Maße zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen“ haben. Die grammatische Form des Perfekts in  dieser Satzungsbestimmung ist interessant, denn sie proklamiert implizit den Abschluss dieses Engagements. Für aktuelle Aktivisten ist der Preis schwer erreichbar, er hat den Charakter einer Auszeichnung fürs Lebenswerk. Das hat indes nicht verhindert, dass auch Preisträger vom neunköpfigen Stiftungsrat gewählt wurden, die noch mitten im politisch-publizistischen Leben stehen. Einzelne wie etwa Swetlana Alexejewitsch, die Preisträgerin von 2012, nimmt derzeit in ihrer belorussischen Heimat daran sogar mehr teil, als es seinerzeit der Fall gewesen ist. Tsitsi Dangarembga ist auch in höchstem Maße gesellschaftspolitisch aktiv. So kuratierte sie etwa 2019 in Berlin das zweite African Book Festival.

          In den letzten Jahren ist der dem Preis zu Beginn innewohnende Gedanke eines Engagements für Völkerverständigung immer mehr ersetzt worden durch eine Vorstellung von innerem Frieden: gesellschaftliche Aussöhnung vor allem im Hinblick auf Emanzipation bislang benachteiligter Gruppen. Publizistische Friedensförderung als Leitfaden für Preiswürdigkeit wurde desto mehr politische Auslegungssache, je weiter der letzte Krieg in Deutschland zurücklag. Und bisweilen wurden gar veritable Kämpfer als Friedensfürsten geehrt wie 2012 Liao Yiwu, der als dichtender und musizierender Dissident einen heroischen Ein-Mann-Feldzug gegen die Diktatur der Kommunistischen Partei in China führt.

          Mit Tsitsi Dangarembga ist nun eine klaffende Lücke im Preisgefüge der jüngeren Zeit geschlossen worden. Der letzte schwarze Friedenspreisträger, der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe, wurde 2002 ausgezeichnet. Der letzte Preisträger vom afrikanischen Kontinent war vor zehn Jahren der Algerier Boualem Sansal. Angesichts dessen, dass die Bewältigung der sozialen Probleme in diesem Teil der Erde so eng zusammenhängen sollte mit dem Selbstverständnis Europas und seiner Werte, ist die Auszeichnung ein wichtiges Signal.

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