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Autor und Orientalist : Friedenspreis für Navid Kermani

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Der Würde des einzelnen Menschen und dem Respekt für die verschiedenen Kulturen und Religionen verpflichtet: Navid Kermani im September 2014 in Koblenz Bild: Picture-Alliance

Der Orientalist Navid Kermani erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine gute Entscheidung: Der Deutsch-Iraner zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Öffentlichkeit, wenn es um den Dialog der Kulturen und Religionen geht.

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          Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015. Dies teilte der Stiftungsrat an diesem Donnerstag in Frankfurt mit. Kermani sei eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft ein friedliches Zusammenleben ermöglichen müsse, heißt es in der Begründung.

          „Seine wissenschaftlichen Arbeiten, in denen er Fragen der Mystik, der Ästhetik und der Theodizee insbesondere im Raum des Islam nachgeht, weisen Navid Kermani als Autoren aus, der mit großer Sachkenntnis in die theologischen und gesellschaftlichen Diskurse einzugreifen vermag. Die Romane und Essays von Navid Kermani, insbesondere aber auch seine Reportagen aus Krisengebieten zeigen, wie sehr er sich der Würde des einzelnen Menschen und dem Respekt für die verschiedenen Kulturen und Religionen verpflichtet weiß, und wie sehr er sich für eine offene europäische Gesellschaft einsetzt, die Flüchtlingen Schutz bietet und der Menschlichkeit Raum gibt.“

          Zwischen Glauben und Gesellschaft

          Navid Kermani wurde als vierter Sohn einer strenggläubigen iranischen Arztfamilie in Siegen geboren. Sein Vater arbeitete in einem christlichen Krankenhaus. Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. 1998 wurde er mit einer Arbeit über die ästhetische Rezeptionsweise des Koran promoviert. Die Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Gott ist schön“ und erreichte mehrere Auflagen. 2006 habilitierte sich Kermani im Fach Orientalistik an der Universität Bonn.

          Nach Studium und Promotion schrieb Kermani als fester Autor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Literaturkritiken und Reportagen, aus denen 2001 das Buch „Iran. Die Revolution der Kinder“ hervorging. In seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen und Essays setzte sich Kermani mit dem Verhältnis zwischen Glauben und Gesellschaft sowie mit den Beziehungen des Westens zu den Ländern im Nahen Osten auseinander.

          Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York analysierte Kermani die Geschichte des Selbstopferungsgedankens im westlichen und nahöstlichen Kulturkreis und zeigte in „Dynamit des Geistes - Martyrium, Islam und Nihilismus“ (2002) die islamischen und modernen Gedankenströme auf, die zu den Terroranschlägen geführt hatten. Einen großen Erfolg feierte Kermani mit seiner Erzählung „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ (2002), in der die Musik der kanadischen Rocklegende als Beruhigungsgesang für kolikgeplagte Säuglinge eine zentrale Rolle spielt.

          Gegen eine Politik des Ausgleichs

          2005 veröffentlichte er eine Monographie über menschliches Leiden unter dem Titel „Der Schrecken Gottes - Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“. Darin beschrieb er das Zweifeln des Menschen an Gott angesichts von Ungerechtigkeit und Elend auf der Welt als eine Erfahrung, die sowohl in der islamischen als auch in der jüdisch-christlichen Tradition tiefe Wurzeln hat. Im Jahr 2005 folgte der Erzählband „Du sollst“.

          Als die westeuropäischen Staaten versuchten, durch eine Politik des Ausgleichs den Iran davon abzuhalten, eigene Atomwaffen zu produzieren, warnte Kermani Ende Februar 2005 in einem Essay in der „Süddeutschen Zeitung“ davor, sich auf das iranische Pokerspiel einzulassen und rief dazu auf, politischen Druck auf das Regime auszuüben. Nach dem Kinderbuch „Ayda, Bär und Hase“ (2006) erschien 2007 Kermanis Roman „Kurzmitteilung“, eine Entwicklungsgeschichte über den deutsch-iranischen Eventmanager Dariusch, einen unsympathischen Exzentriker, der durch den Tod einer jungen Frau über Politik und Moral nachdenkt und am Ende ein besserer Mensch wird.

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