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Laudatio auf Serhij Zhadan : In die Moral gestürzt

Der Dichter, Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan, geboren 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk. Bild: Ekko von Schwichow

Was für eine Art Schriftsteller ist der Schriftsteller Serhij Zhadan? Laudatio auf den ukrainischen Dichter und Musiker anlässlich der Verleihung des Freiheitspreises der Frank-Schirrmacher-Stiftung.

          4 Min.

          Die Welt ist schlecht. Das war sie immer. Und manchmal auch noch dunkel und tiefschwarz. Das ist sie wieder. Seit Februar. Was zu der Frage führt: Was soll in dieser Welt, mit dieser Welt ein Künstler machen? Max Frisch sagte, dass einige Schriftsteller schrieben, „um die Welt zu verändern“. Und einige, „um die Welt zu ertragen“. Was wiederum zur zweiten Frage führt: Welche Art Schriftsteller ist der Schriftsteller Serhij Zhadan?

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Antwort steht in „Depeche Mode“. Dieser Roman – der erste, den Zhadan geschrieben hat – ist eine Bibel. Zumindest für die Menschen, die an Kunst glauben, nicht an Gott. Vielleicht aber auch für ganz Gottesgläubige. Denn was Zhadan da macht und wie – ist übermächtig.

          In „Depeche Mode“ geht es um junge Frauen und junge Männer, die sich „in den löchrigen und überall geflickten Kreislauf von Blut und Liebe“ stürzen, auf dessen „Grund sich ja angeblich die massivsten und wunderbarsten Stücke Glücks befinden sollen, obwohl es dort in Wirklichkeit gar nichts gibt, das könnt ihr mir glauben“.

          Seine abartigen und guten schlechten Helden

          Es geht um Dog Pawlow, dauerhaft arbeitslos und dauerhaft betrunken. Seine Eltern sind Juden, „aber auf sich selbst bezieht er das nicht“, denn Dog will gern ein Rechter sein. Es geht um die vielleicht sexsüchtige, sehr sicher sehr versiffte und schöne Generalstochter Marusja, die auch schon mal die Büste von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow ganz zärtlich an ihren Körper drückt. Es geht um Wasja Kommunist. Er macht einen Haufen Geld, indem er Wodka billig einkauft, um ihn am Bahnhof an Sturzbesoffene viel teurer zu verkaufen.

          Es geht also um junge Menschen, deren Herzen vom Alkohol, von Drogen und vom Leben ausgehöhlt sind, leer. Aber nicht ganz. Denn – und das sieht man in allen Romanen, Erzählungen, Gedichten von Zhadan – egal wie krank, kaputt, roh seine Helden sind, sie sind immer wahrhaftig, wahr, sind immer echt. Das liegt daran, dass dieser Dichter, dieser Schriftsteller die Menschen so beschreibt, wie Menschen sind; wie sie sich gegenseitig wehtun, wie sie verletzt sind, wie sie am Bösen leiden und trotzdem Böses tun. Deshalb sind seine Helden niemals nur Druckerschwärze-auf-Papier-Figuren.

          Serhij Zhadan stellt ständig abartige und gute schlechte Helden hinein in seine Literatur – und stellt mit ihnen die Wahrheit aus. Nichts weniger. Weshalb wir wieder bei den Warum-wir-schreiben-Sätzen von Max Frisch wären. Und vielleicht auch schon bei der Antwort auf die Frage, warum einer wie Zhadan schreibt. Denn wenn ein Dichter diese Welt, das Leben nur ertragen wollte, würde er nicht vom Unerträglichsten erzählen. Und auch nicht so brutal, wie es Serhij Zhadan in seinen Romanen macht. Mit solcher Kraft. So, als ob der Schriftsteller die Leser von einem Hochhaus hinunterstürzen ließe. So wie im Traum, den vielleicht jeder schon mal hatte, in dem man schreiend, mit Schrecken in den Augen und wild wedelnden Armen in die Tiefe fällt und fällt und fällt.

          Ein großes Mitgefühl für Schwache, für die Schwächsten

          Beim Sturz in „Depeche Mode“ beispielsweise zieht das kommunistische Damals an einem vorbei, das die kaputten Kinder des Romans zu den kaputten Kindern, die sie sind, gemacht hat, und dann diese kapitalistisch-kranke Gegenwart der Neunziger. Beim Fallen, egal in welchem Buch, fühlt man aber auch immer etwas sehr Universelles: Moral. Das offenbart zuerst das große Mitgefühl des Schriftstellers für Schwache, für die Schwächsten. Und offenbart auch die Brutalität, mit der Serhij Zhadan die Unglücklichen ihr Unglück spüren lässt. In einer Sprache, die manchmal so rau ist wie die von Henry Miller oder Charles Bukowski. In einer Sprache, die manchmal so poetisch ist wie die von Carson McCullers oder Tove Ditlevsen. In einer völlig neuen Sprache.

          Seine Moral, seine Brutalität, seine Sprache – sie sind der Fingerabdruck seiner Literatur. Man sieht ihn in jedem Buch Serhij Zhadans, sieht ihn ganz scharf: in „Internat“ zum Beispiel, seinem ersten Kriegsroman, im melancholischen, bestialischen, lieblichen Charkiw-Buch „Mesopotamien“ oder in „Die Erfindung des Jazz im Donbass“, der ein Kampf zwischen dem Elend der Oligarchie ist und dem der elendigen Armen.

          In seinem ganzen Werk zeigt Serhij Zhadan seinen Lesern das Gute und das Böse, die miteinander kämpfen – und lässt die Leser durch seine weichen, harten Sätze den Kampf selbst spüren, riechen, schmecken. Und lässt sie hoffen.

          Der Wunsch, dass etwas besser wird

          Der Humanismus – das ist der Kern der Poetik von Serhij Zhadan. Und dazu dieses leidenschaftliche Verlangen, dass die Welt endlich aufhören sollte, zu stinken, wehzutun. Deshalb lässt er in seinen Büchern auch immer wieder etwas Warmes und Seltenes aufblitzen: das Glück. Klar, immer nur für einen Augenblick. Doch dessen Strahlen ist so stark und heftig, dass jeder, der seine Romane, Erzählungen, Gedichte liest, sich wünscht, genauso ein besoffenes, kaputtes, krankes Leben zu führen, wie es Zhadans Protagonisten führen müssen. Denn so aufregend man alles Ausweglose in seiner Literatur auch findet, so fest wünscht man sich dann, dass etwas besser wird – nicht nur für alle echten, falschen Zhadan-Helden, nein, am Ende und vor allem für einen selbst als Leser.

          Was auch die Frage nach der Welt und von Max Frisch beantwortet: Denn Serhij Zhadan ist ein Schriftsteller, der diese Welt verändern will, nicht nur ertragen. Über sich selbst wird er das vielleicht niemals sagen. Auch Max Frisch tat das nicht.

          So steht der Weltveränderer Serhij Zhadan in seiner Literatur fürs harte, elende und schlechte Leben ein, das irgendwann einmal sehr sicher halb so hart und schlecht und elend werden wird, wie es gerade ist. Steht aber auch in der Realität, im Jetzt und in der Ukraine dafür ein. Denn er ist dageblieben. In der zerstörten und umkämpften Stadt. In Charkiw. Warum? „Weil es viel Arbeit gibt“, das schrieb Zhadan auf Facebook. Denn dieser Dichter arbeitet Tag für Tag, nicht nur als Dichter. Er sammelt Geld, kauft Autos für die ukrainischen Streitkräfte, Drohnen, Handys. Singt, spielt Konzerte. Liest für die Menschen, die im Krieg leben müssen. Wahrscheinlich weil er weiß, dass Worte und dass Kunst den Menschen helfen können – und ja, sie helfen.

          Und wenn Zhadan jetzt über diesen Krieg schreibt – das macht er jeden Tag im Internet –, schreibt er über ihn niemals rau, niemals poetisch, nicht so, wie er in seinen Büchern schreibt. Im März zum Beispiel das: „Über diesen Krieg wird viel gesagt und gesungen werden. Wie ich annehme, in einer völlig anderen Sprache. In der Sprache, die gerade jetzt entsteht, jeden Tag im ganzen Land. Vorerst enthält sie zu viel Schmerz. Aber auch ausreichend Wut. Und was das Wichtigste ist – genug Glauben und Liebe.“

          Wie diese neue Sprache wächst, kann man in „Himmel über Charkiw“ sehen; es sind seine Onlineaufzeichnungen, erschienen als Buch Anfang Oktober. Im Nachwort schreibt Zhadan: „Jetzt geht es nicht um Literatur – es geht um die Wirklichkeit selbst.“ Aber Serhij Zhadan täuscht sich: In seiner Literatur geht es gerade auch darum: um Wirklichkeit – und, ja, um Wahrheit.

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