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E.T. A. Hoffmann in Frankreich : Das Gelächter des Teufels

Über Frankreich zurück nach Deutschland: Die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, 1881 in Paris uraufgeführt, hier in einer Inszenierung der Hamburger Staatsoper. Bild: dpa

Gautier, Balzac, Dumas und Baudelaire: Hoffmanns Resonanz in Frankreich war ungeheuer. Nicht nur in „Hoffmanns Erzählungen“ wurde er selbst zur literarischen Figur.

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          Sein zweiter Roman trug den Titel „Der Geheimnißvolle“. Er wurde nie veröffentlicht, und nichts daraus ist überliefert als ein einziger Absatz, etwa eine Seite lang, den E.T.A. Hoffmann als Zwanzigjähriger am 13. März 1796 in einem Brief aus Königsberg an seinen Jugendfreund, den Pfarrerssohn Theodor Gottlieb von Hippel, zitierte. Es geht darin um das „Männer-Monopol“: eine Haltung, die das Ideal der Männerfreundschaft weit über die Liebe zwischen den Geschlechtern stellte. Die Begründung: „Die Freundschaft tut gar nichts für die Sinnlichkeit, aber alles für den Geist“. Der Erzähler fühlt sich befreit, denn vor dem Beginn der großen Freundschaft zwischen zwei verwandten männlichen Seelen war sein „Geist ein Gefangener, den man eingesperrt hatte und unaufhörlich bewachte.“

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Einige Jahrzehnte später kehrt ein anderer Schriftsteller in einer anderen Stadt in sein Dachzimmer zurück. Es ist ein Uhr nachts. Er will nur noch allein sein. Zwei Mal schließt er die Tür hinter sich ab, atmet auf, nimmt ein „Bad aus Dunkel“ und lässt einen vergeudeten Tag an sich vorüber ziehen: Ununterbrochen war er in Gesellschaft, ununterbrochen litt er unter der „Tyrannei des menschlichen Gesichts“. Er hat mit den falschen Menschen gesprochen, die falschen Hände geschüttelt, die falschen Dinge gesagt und getan. Jetzt ist er allein, unzufrieden mit sich und allem anderen und bittet Gott um die Ehre, einige schöne Verse erschaffen zu dürfen, „die mir selbst beweisen, dass ich nicht der letzte der Menschen bin, dass ich nicht niedriger bin als jene, die ich verachte“. Freundschaft? Was sollte das sein? Selbstverordnete Einzelhaft wäre ihr vorzuziehen.

          Dass ausgerechnet der nachtschwarze Einzelgänger Charles Baudelaire im Werk von E.T.A. Hoffmann die „absolute Komik“ entdeckte und sie bereits 1855 in seinem Essay „De l’Essence de rire“ behandelt hat, mutet heute kaum weniger erstaunlich an als die Tatsache, dass Hoffmann wenige Jahre nach seinem Tod in Frankreich weitaus populärer war als in Deutschland. Adolphe-Francois Loève-Veimars hatte Werke von Hoffmann um 1830 übersetzt und das Genre der fantastischen Erzählung in Frankreich damit populär gemacht.

          Baudelaire und die absolute Komik

          Eine der ersten Veröffentlichungen Théophile Gautiers trug den Titel „Onuphrius oder die Ärgernisse eines Bewunderers von Hoffmann“ und erzählte 1832 von einem jungen Mann, den seine Begeisterung für Hoffmanns Werk geradezu in den Wahnsinn trieb. Einige der Erzählungen in Balzacs „Comédie humaine“ sind erkennbar von Hoffmann beeinflusst, etwa die Künstlernovelle „Das unbekannte Meisterwerk“ über den Maler Frenhofer, der das Absolute der Kunst sucht und sich umbringt, als er die Aussichtslosigkeit seiner Suche erkennt.

          Alexandre Dumas veröffentlichte 1850 den Roman „Die Dame mit dem Samthalsband“, in dem er einen jungen Studenten namens E.T.A. Hoffmann ins revolutionäre Paris versetzt, wo er seine deutsche Braut Antonie wegen einer Tänzerin namens Arséne verlassen will. Sie trägt das Samthalsband, von dem der Titel spricht. In ihrer letzten gemeinsam verbrachten Nacht verbirgt es den Schnitt, mit dem ihr die Guillotine am Tag zuvor den Kopf vom Rumpf getrennt hatte.

          Für einige Jahrzehnte ist Hoffmann einer der meistgelesen Autoren in Europa. In Russland kommt er gleich hinter Gogol, in Frankreich macht ihn Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ungeheuer populär. Sie beginnt in der Berliner Weinstube Lutter & Wegner, in der Hoffmann, mit einer geradezu höllischen Trinkfestigkeit mehr gestraft als gesegnet, ständig verkehrte. In der französischen Rezeption wird Hoffmann nicht nur zu einem bewunderten und vielfach nachgeahmten Autor, sondern auch zu einer literarischen Figur.

          „Der Grund für die Geschwindigkeit von Hoffmanns Erfolg”, glaubte Théophile Gautier, „liegt in dem heftigen und wahren Gefühl der Natur, das in einem so hohen Maße in seinen unerklärlichsten Schöpfungen hervorsticht”. Mit anderen Worten: Was Frankreich an E.T.A. Hoffmann liebte, war die mit allen Sinnen fassbare Authentizität des Übersinnlichen in seinem Werk. Sie gehörte zu einer Ästhetik des Bösen, für die Baudelaire, der die Werke von Edgar Allan Poe ins Französische übersetzt hatte, besonders empfänglich gewesen sein dürfte. In „L’Essence de Rire“ definierte er das Lachen als zwiegespalten: es sei satanisch, aber auch zutiefst menschlich. Die absolute Komik, die er in Hoffmanns entdeckt zu haben glaubte, musste sich demnach zumindest zur Hälfte aus einer obskuren Quelle speisen. Wer über die zerrissenen Figuren E.T.A. Hoffmanns lacht, macht dem Teufel ein Geschenk.

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