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Frankfurter Poetikvorlesung : Willkommen in der Eissporthalle

Durs Grünbein hält die Jubiläumsvorlesung in Frankfurt Bild: ©Helmut Fricke

Seit fünfzig Jahren sprechen in Frankfurt Dichter als Dozenten: Zum Geburtstag gibt es im neuen Riesenhörsaal der Universität eine großartig bündige Vorlesung von Durs Grünbein. Patrick Bahners hat sie sich angehört und in einem Trugbild die Wahrheit entdeckt.

          Hier spricht der Dichter. Aber erst einmal noch nicht. Obwohl die Frankfurter Poetikvorlesung von Durs Grünbein pünktlich beginnt, wie auf den Plakaten annonciert, um 18 Uhr c.t., abgekürzt für cum tempore, lateinisch für „mit Zeit“, gemäß akademischem Brauch mit angekündigter Verspätung von fünfzehn Minuten. Um Punkt 18 Uhr 15 wird also das Mikrophon eingeschaltet, man wartet nicht auf etwaige Nachzügler, die sich vielleicht in traditionalistischem Trott zum Hörsaal VI des alten Hauptgebäudes der Goethe-Universität in Bockenheim begeben haben, dem Adorno-Hörsaal, wo fünfzig Jahre lang die Poetikvorlesungen stattfanden. Nicht jedes Jahr in diesen fünfzig Jahren allerdings. 1968 brach die Übung ab, um erst ein Jahrzehnt später mit Uwe Johnson wiederbelebt zu werden. Aber die Institution der Poetikdozentur feiert ihren Geburtstag.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im Wintersemester 1959/60 sprach die erste Dozentin, Ingeborg Bachmann, über „Fragen zeitgenössischer Dichtung“, und daher spricht an diesem Abend im Hörsaal 2 des neuen Hörsaalzentrums auf dem Westend-Campus Durs Grünbein zunächst noch nicht. Stattdessen werden Grußworte gesprochen. Der erste Satz des Grußwortes des Sprechers des Besetzungsausschusses für die Poetikdozentur, des Altgermanisten Ulrich Wyss, lautet, das Publikum sei nicht gekommen, um Grußworte zu hören. Tosender Applaus. Nein, die Leute sind gekommen, um den Dichter zu hören, denn dass der Dichter spricht, ist etwas Besonderes. Die übrigen Honoratioren, der Vizepräsident der Universität, der Cheflektor des Suhrkamp-Verlages und der Frankfurter Kulturdezernent, können auf die Verlesung ihrer Grußworte nicht verzichten und entledigen sich der vermeintlichen Pflicht mit gehöriger Dickfelligkeit.

          Sei auf der Hut, Wowereit!

          Es muss öffentlich gesagt werden, dass Ulla Unseld-Berkéwicz anwesend ist und dass man darin ein Zeichen für die fortdauernde Verbundenheit des nach Berlin abwandernden Suhrkamp-Verlages mit Frankfurt sehen will. Und von der Gegenseite muss öffentlich zugesagt werden, dass Suhrkamp sich an der Finanzierung der Poetikdozentur weiter beteiligt. Denn persönliche Kommunikation findet, wie am Rande zu hören ist, zwischen den Beteiligten derzeit nicht statt. Was bekommt Frau Unseld-Berkéwicz von den Grußworten mit? Nichts. Sie hat aber nicht etwa die schwarze Pelzkappe über die Ohren gezogen, um sich zur Vorbereitung auf die Dichterworte in einen Zustand der Entrückung zu versetzen. Der von der Decke hängende Lautsprecher, der die linke Hälfte des Riesensaals beschallen soll, hat sich gegen die Wand gedreht. Für solche Schamanfälle waren früher die Poeten gut, als Dozenten können sie sich das nicht mehr erlauben.

          Die Grußworte werden unterbrochen, während ein Techniker erwartet wird. Gottfried Benn hat schon gewusst, warum er in seinem Rundfunkgespräch mit Reinhold Schneider über die Frage, ob die Dichtung das Leben bessern könne, der Ingenieure gedachte, die Drähte über die Erde ziehen. Der Techniker besteigt eine erstaunlich kleine Leiter, zieht einen Draht durch die Luft, das sensible Instrument wird angebunden. Die Verlegerin und der Dichter wechseln trotzdem von der linken auf die rechte Seite des Saals. Das Prinzip Umzug hat sich bewährt. Sei auf der Hut, Wowereit!

          Als Durs Grünbein ans Rednerpult tritt, verlässt der Vizepräsident der Universität, der Philosoph Matthias Lutz-Bachmann, den Hörsaal. Er hat in seinem Grußwort die Studenten dazu beglückwünscht, dass sie in den kommenden Wochen die Vorlesungsreihe von Durs Grünbein erleben werden. Grünbein hält allerdings nur diese eine Vorlesung. Der Vizepräsident wird sich wundern, wenn er nächsten Dienstag wiederkommt. Aber vielleicht wird es ihn auch freuen, den Hörsaal in seiner ganzen leeren Pracht bewundern zu können. Der Saal ist so groß, als wäre er ausgelegt für Professor Bastian Sick, Dr. h.c. Mario Barth oder den Kurs Hedgefondsgründung für Anfänger, Finanzwissenschaft, 1. Semester.

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