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Frankfurter Ausgabe : Der Höhepunkt des Hölderlinjahrs

Hier verbrachte Hölderin zwei Jahre seiner frühen Kindheit: das Hölderlinhaus in Lauffen am Neckar. Bild: dpa

Die Frankfurter Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ von Friedrich Hölderlin ist rechtzeitig zum 250.Geburtstag des Dichters wieder im Buchhandel erhältlich. Das ist eine Freude, die den Blick für seine Poesie aufs Neue öffnet und schärft.

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          Ein Auftakt, so gebieterisch und unwiderstehlich, als nähme er Beethovens fünfte Sinfonie vorweg: „Komm! ins Offene, Freund!“ Ein Fortgang, als würde thematisch auch die sechste, die Pastorale, antizipiert: „Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume / Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft“. Es ist „Der Gang aufs Land“, den Friedrich Hölderlin 1801, sieben Jahre vor der Uraufführung der beiden Beethoven-Sinfonien, intoniert und instrumentiert. Begegnet sind sich der Dichter und der Komponist nie, jeder von ihnen jedoch Goethe. Obwohl Schiller ihr gemeinsames Idol war, haben sie, die Jahrgangsgenossen von 1770, sehr wahrscheinlich nicht einmal voneinander gewusst. Hölderlin, der Flöte spielte und Klavier, begriff Poesie stets als „Gesang“, achtete dichtend auf den „Wechsel der Töne“ und ließ „das Saitenspiel“ auch in den schönsten Versen hören, die er schrieb, jenen von „Brod und Wein“ und „Andenken“. „Der Gang aufs Land“ ist fast so schön. Aktueller als er aber kann ein Gedicht nicht sein im pandemischen Stadtflucht-Sommer 2020: „Deßhalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.“

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Entworfen, genauer: hingeworfen hat Hölderlin die idyllische Elegie zunächst in wilder, rauher Handschrift, in der sich Wörter und Zeilen fast abstandslos über- und ineinanderballen, für die der Papierrand ein bloßes Ärgernis ist und die Strophenfuge Platzverschwenden. Es folgt eine Reinschrift, die Regelmaß zeigt, dem Dichter aber nicht genügt, weshalb er auf weiteren Blättern weitere Halbsätze, Keimwörter, Verszeilen notiert – mit dem ins Reine Geschriebenen wird er sie nie verbinden. Das Gedicht bleibt Fragment, wenngleich ein grandioses.

          Rabiate Polemik nicht ausgeschlossen

          Bis vor einigen Jahrzehnten konnten wir Leser solche handschriftlichen Verhältnisse – sie sind beim reifen Hölderlin die Regel – bestenfalls erahnen. Wir mussten uns mit gedruckten Reinschriften oder konstituierten Texten begnügen, rare Handschriftenfaksimiles blieben schmückende Beigaben. Wollte man es genauer wissen, erfuhr man das Nötige in den Kommentarbänden der maßgeblichen historisch-kritischen Editionen. Maßgeblich für Hölderlin war die Große Stuttgarter Ausgabe in fünfzehn Bänden, kurz: StA, die der Germanistenpapst Friedrich Beißner 1943, noch im Weltkrieg, begonnen hatte. Sie stand Mitte der siebziger Jahre kurz vor der Vollendung und ist inzwischen auch digitalisiert. Mit der Trennung von Lesefassung und Variantenapparat galt sie als Fels wie Vorbild neugermanistischer Editionstechnik und Textkritik.

          Am 6. August 1975 aber geschah Ungeheuerliches. Im Nobelhotel Frankfurter Hof präsentierten KD Wolff, 32 Jahre alt und linksradikaler Chef des Verlags „Roter Stern“, und der vier Jahre ältere D.E. Sattler, ein Werbegrafiker aus Kassel ohne Abitur, bei einer legendär gewordenen Pressekonferenz einen Einleitungs- und Probeband mit Abbildungen und Editionsbeispielen aus dem sogenannten Homburger Folioheft, der schwierigsten aller Hölderlin-Handschriften, und erklärten, binnen fünf Jahren eine vollständige und völlig neuartige Werkausgabe in zwanzig Bänden vorzulegen – ausschließlich finanziert durch Subskription und Verkauf, ohne öffentliche Unterstützung.

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