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Unveröffentlichtes Meisterwerk : Durch alle Zeiten brandgefährlich

  • -Aktualisiert am

Der Maler, Komponist und Schriftsteller Florian Havemann Bild: Picture-Alliance

In Frankreich wäre dieses Buch über grenzüberschreitende Sexualität im Dritten Reich längst ein Hit. Doch hierzulande findet es keinen Verlag: Ein Besuch bei Florian Havemann, der einen großen Roman geschrieben hat, den niemand veröffentlichen will.

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          Es ist ja kein Geheimnis, dass ich gern verlorene Meisterwerke wiederentdecke. Ich gehe dabei durchaus missionarisch vor. Denn das Glücksgefühl, in diesem Augenblick der vermutlich einzige Mensch in Österreich zu sein, der, sagen wir, Edward Dahlbergs Autobiographie „Because I Was Flesh“ oder Hans-Jürgen von der Wenses Briefe liest, verraucht in der Regel sehr rasch, und ich wünsche mir, wie wahrscheinlich jeder Mensch, doch ein wenig Gesellschaft.

          In deutscher Sprache ist der Endboss in Sachen verlorener – oder, in seinem Fall, ganz und gar unsichtbarer – Meisterwerke vermutlich der 1952 geborene Florian Havemann. Er ist heute 67, lebt in Berlin. Zehn Jahre lang übte er das Amt des Verfassungsrichters im Land Brandenburg aus. An einem Tag im Mai dieses Jahres besuchte ich ihn in seinem Atelier in der Berliner Friedrichstraße 119, wo er seine Gemälde ausstellt. Er nahm sich die Zeit, mir einige Stunden von sich und dem höchst eigenartigen Schicksal seiner Bücher zu erzählen.

          Havemann hat auch Theaterstücke verfasst, aber es geht hier vor allem um zwei äußerst umfangreiche Bücher, die, das lässt sich sogar wertfrei sagen, wahrlich nicht ihresgleichen haben in der gegenwärtigen Literatur. Sie aufzutreiben und zu lesen verlangt fast schon so etwas wie die Kenntnis von Cheat Codes für die Wirklichkeit. Sein erstes Buch „Havemann“ erschien im Jahr 2007 bei Suhrkamp und wurde kurz nach Erscheinen infolge eines Gerichtsverfahrens vom Markt genommen. Mehrere Personen fühlten sich in dem autobiographisch formulierten Text verleumdet und beleidigt. Eine zweite veränderte Auflage wurde kurz nach dem Druck eingestampft. Man kann die Originalversion heute noch finden. Aber viel Glück.

          Der Wiederentdecker: Clemens J. Setz
          Der Wiederentdecker: Clemens J. Setz : Bild: Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag

          Und sein zweites Buch „Speedy“, chronologisch vor „Havemann“ entstanden, kann man überhaupt nur dann lesen, wenn man das Manuskript persönlich überreicht bekommt. Nun trifft das freilich auf alle möglichen Machwerke zu, die einfach nicht interessant genug waren, um einen Verlag zu finden. Und, zugegeben, genau das hoffte ich auch ein wenig, als ich es eines Tages in die Hand bekam. Lesen wir mal, dachte ich. Wahrscheinlich ist es einfach schwach. Aber dann war ich plötzlich dreihundert Seiten in der sich prachtvoll um mich schraubenden und stapelnden Geschichte drin und dachte nur noch ein Wort: „Fuck“.

          Aber stellen wir zuerst einmal fest, worum es geht. Der, wäre er gedruckt, gewiss mehr als tausend Seiten umfassende Roman wird erzählt aus der Sicht des Malers Rudolf Schlechter, den es wirklich gegeben hat (bloß schrieb er sich Schlichter) und der von 1890 bis 1955 lebte. Das Buch orientiert sich äußerlich sehr eng an den historisch belegten Fakten seiner Biographie. Es ist das Jahr 1938. Schlechter sitzt im Gefängnis wegen „unnationalsozialistischer Lebensführung“. Der Grund für diesen Vorwurf ist das vielfach als skandalös empfundene Verhalten, zu dem er mit Hilfe seiner von allen nur „Speedy“ genannten Frau fand. Heute würde man dieses Verhalten vielleicht leichtfertig als ausschweifendes Cuckold-SM bezeichnen, als „feminization“ oder „femdom“. Allerdings ist bereits das Wort „ausschweifend“ vollkommen falsch – denn die exuberanten Grenzüberschreitungen geschehen bei Schlechter vor allem in seinem Inneren. Seiner Frau ist es nicht wichtig, ihn alle möglichen Dinge tun zu lassen, sondern seine Innenwelt in ein reiches Theater weltenthobener Selbstverwirklichung zu verwandeln. Sie ist weniger seine Herrin als seine Autorin. Schlechter kommt ins Gefängnis, weil seine Frau, wie einige aufpasserisch veranlagte Herren in der Nachbarschaft bemerkt haben, mit anderen Männern schläft.

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