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Zum Tod von Benoîte Groult : Feministin wider Willen

Benoîte Groult auf einem Archivfoto von 1999 Bild: dpa

Ihr Bestseller „Salz auf unserer Haut“ ist vielen bekannt, aber Benoîte Groult schrieb über viel mehr als sexuelle Befreiung. Sie richtete den Blick stets auf die Frauen. Jetzt ist die französische Schriftstellerin gestorben.

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          Erst mit vierzig Jahren fand Benoîte Groult zur Schriftstellerei. Zuvor war sie Lehrerin für Latein und Französisch, Redakteurin und Kolumnistin beim Rundfunk sowie später bei verschiedenen Zeitschriften. Sie schrieb für „Elle“ und „Marie Claire“, ehe sie das „F-Magazin“ gründete, eine politische Zeitschrift für Frauen. Schließlich begann sie mit ihrer Schwester Flora Bücher zu verfassen, zuerst „Tagebuch vierhändig“ 1963, eine Erinnerung an die Kriegszeit und die Zwänge, denen sie als Frauen währenddessen unterworfen waren. Den Blick besonders auf die Freiheit von Frauen zu richten, behielt Groult in all ihren Veröffentlichungen bei – auch später, in den Romanen.

          Benoîte Marie Rose-Nicole Groult wurde am 31. Januar 1920 in Paris als Tochter einer großbürgerlichen Familie geboren. Ihr Vater André Groult war Innenarchitekt von Beruf. Die Mutter Nicole Poiret, eine Schwester des französischen Modeschöpfers Paul Poiret, führte mit großem Erfolg einen eigenen Couture-Salon. Zu den Freunden der Familie zählten die Maler Picasso und Picabia. Mit vierundzwanzig Jahren heiratete Groult den Medizinstudenten Pierre Heuyer, der ein knappes Jahr nach der Eheschließung an Tuberkulose starb. Später ging sie Ehen mit dem Journalisten Georges de Caune und dem Schriftsteller Paul Guimard ein. Ihre dritte Ehe hielt dreiundfünfzig Jahre, bis zu Guimards Tod 2004.

          Erst in den Siebzigern wagte sich Groult an ihre erste Alleinveröffentlichung: „La part des choses“, auf Deutsch publiziert als „Die Dinge, wie sie sind“, brachte ihr 1972 den Preis der Akademie der Bretagne ein. Ihren größten Erfolg feierte sie 1988 mit „Les vaisseaux du coeur“, hierzulande bekannt als „Salz auf unserer Haut“, der von Andrew Birkin und Bernd Eichinger verfilmt wurde. Darin beschreibt Groult die Anziehung zwischen einer verheirateten Intellektuellen und einem bretonischen Fischer, die beide jahrzehntelang immer wieder zusammenführt. Außerhalb dieser amour fou führt die Protagonistin George ein solides, geistig stimulierendes Leben mit ihrem Mann in Paris.

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          Die expliziten Liebesszenen sorgten dafür, dass das Buch von einigen Kritikern als Pornografie betrachtet und skandalisiert wurde. Die Leser hingegen verfielen der Dreiecksgeschichte reihenweise: Alleine in Deutschland verkaufte es sich rund 3,2 Millionen Mal. Über autobiographische Anleihen wurde früh spekuliert, schließlich besaß Groult ein Haus in der Bretagne und ging gerne Hochseefischen.

          Erst viel später, in ihrer ersten Autobiographie „Leben heißt frei sein“, bestätigte sie diese Gerüchte. Dort erzählte sie auch von ihrer Jugend, von den lebensgefährlichen illegalen Abtreibungen mit Stricknadeln, die damals gang und gäbe waren, und vom Kampf um französische Berufsbezeichnungen für Frauen, die sprachlich immer noch an den Herd gekettet waren. Unter Staatspräsident François Mitterrand leitete sie eine Kommission, die für männliche Berufsbezeichnungen weibliche Namen suchte. Desgleichen trat sie für das Recht auf Abtreibung und für die Anti-Baby-Pille sowie später für die Sterbehilfe ein.

          „Salz auf unserer Haut“ fand 2006 sein Gegenstück in ihrem Roman „Salz des Lebens“, einem Familienporträt, bei dem die Großmutter im Vordergrund steht. Die Tochter Marion erlebt eine Liebesgeschichte, die der von George sehr ähnlich ist – allerdings diesmal mit einem Iren, und es wirkt alles aussichtsreicher, darf aber am Ende doch nicht sein.

          Eigenen Angaben zufolge wurde Groult Feministin „wider Willen“, weil sie „so große Mühe hatte, feminin zu werden“. Sie blieb Feministin, weil Frauen zwar im persönlichen Bereich große Fortschritte machten, aber nur geringen politischen Einfluss gewannen und auch nur selten in öffentlichen Funktionen tätig wurden. Anfang der neunziger Jahre stellte sie Rückschritte in der Frauenbewegung fest. In Paris, so sagte sie 1992 in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten, sei der „Feminismus out und die Macht fester in Händen der Männer als vor zwanzig Jahren“. Mit Groult ist eine der großen Kämpferinnen für die Gleichberechtigung gegangen. In der Nacht zum Dienstag starb sie im Alter von 96 Jahren.

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