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„Dschinns“ von Fatma Aydemir : Die Geister der Gegenwart

Die Schriftstellerin und „taz“-Journalistin Fatma Aydemir Bild: Sibylle Fendt

In ihrem neuen Roman erzählt Fatma Aydemir von einer Familie, die zwischen der Türkei und einem Deutschland gefangen ist, das sie nicht haben will: „Dschinns“ sieht dabei auch auf die rassistischen Anschläge der neunziger Jahre zurück.

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          „Dschinns“ heißt der neue Roman von Fatma Aydemir: Vor fünf Jahren hatte die Berliner Journalistin mit ihrem Debüt „Ellbogen“ ein Buch geschrieben, das zentral war für die immer nur noch stärker werdende deutschsprachige Literatur über migrantische Erfahrungswelten in der Bundesrepublik von heute. 2019 gab Aydemir dann einen Sammelband heraus, der viele der dazugehörigen literarischen Stimmen vereinte, Deniz Utlu, Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Eure Heimat ist unser Alptraum“ hatte einen Titel wie eiskaltes Wasser ins Gesicht oder wie ein T-Shirt-Logo. Einen Titel, der zugleich die verbindende Erfahrung im Leben der vielen verschiedenen Minderheiten mit den Mehrheitsbewohnern der Bundesrepublik auf den Punkt brachte: Ort und Stelle sind gleich, aber die Sicht ist unterschiedlich.

          „Für uns“, lautete die Widmung dieses Sammelbands, den Aydemir gemeinsam mit Hengameh Yaghoobifarah („Ministerium der Träume“) herausgegeben hatte, und dieses „uns“ war fast noch prägnanter als der Titel des Buchs. Denn es markierte zugleich ein „ihr“. Und damit den ungelösten Konflikt der sogenannten bundesrepublikanischen Integrationspolitik: Solange ihr nicht erkennt, dass wir es anders sehen, weil wir nicht so auf dieses Land sehen können wie ihr, weil ihr uns anders seht, wird das schwer mit euch und uns.

          Es ist kompliziert, weil „wir“ und „ihr“ nie homogen sind. Es ist aber damit auch ein Fall für die Literatur, die abweichenden Perspektiven und deren Vergröberungen und Verwischungen wahrnehmbar machen kann, gleicher Ort, gleiche Stelle, unterschiedliche Sicht der Dinge.

          Und da, wo Fatma Aydemir in „Ellbogen“ noch mit der einen Stimme der jungen Hazal die Geschichte einer Siebzehnjährigen erzählte, die ihren Ort sucht in ihrer Familie, ihrem Viertel, ihrem Berlin, ihrem Istanbul, ihrem Leben, da beschreibt „Dschinns“ jetzt die Familie Yilmaz, aber mit sechs Stimmen: der des Vaters, der Mutter und denen der vier Kinder.

          „Dschinns“ ist ein klassischer Familienroman, was die Dynamik zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Eltern und zwischen den Kindern angeht. Klassisch in dem Sinne, dass man Leitmotive nicht nur aus dem echten Leben, sondern auch dem oft schon erzählten Leben wiedererkennt, weil es anthropologische Konstanten sind: Der älteste Sohn soll an die Stelle des Vaters treten, will das aber nicht, da er unter der Rolle des Vaters immer gelitten hat. Die älteste Tochter kämpft um den Respekt der Mutter und damit, dass Liebe und Respekt nicht das Gleiche sein müssen.

          Aber es schwankt eben auch die Erde unter der Familie Yilmaz, einer Familie wie so viele, die vor sechzig Jahren nach Deutschland gekommen sind, die keine Heimat hat, nur noch den Transit zwischen festen Adressen, die trotzdem keinen Halt geben: Die Eltern, Hüseyin und Emine, wandern 1979 aus ihrem türkischen Bergdorf nach Deutschland aus. Sie lassen ihre älteste Tochter Sevda noch bei den Großeltern, nehmen nur die jüngeren Kinder Hakan und Peri mit, holen Sevda erst zwei Jahre später zu sich. Nach Rheinstadt, so nennt Fatma Aydemir, die 1986 in Karlsruhe geboren wurde, die idealtypische westdeutsche Stadt. Hier arbeitet Hüseyin in der Fabrik, hier bringt Emine noch einen weiteren Sohn auf die Welt, Ümit.

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