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Fantasy-Literatur : Niemand ist eine Insel

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Der Ritter unter den Fantasy-Schriftstellern: Terry Pratchett mit königlicher Medaille Bild: ASSOCIATED PRESS

Der britische Fantasy-Schriftsteller Terry Pratchett schuf mit seiner Scheibenwelt-Saga einen ganz eigenen magischen Kosmos. In seinem neuen Roman „Eine Insel“ schreibt er mit dem Zorn des Zweiflers, aber ohne Fatalismus gegen seine Alzheimer-Krankheit an.

          Kennen Sie Mort, den Gehilfen des überarbeiteten Sensenmanns? Rincewind, den trotteligen Zauber, der an der Unsichtbaren Universität von Ank-Morpork durchs Examen fiel? Oder Eric, den talentierten, 13 Jahre alten Nachwuchs-Dämonologen, der sich Allmacht, Unsterblichkeit, und die Liebe der schönsten Frau erhofft? Wie? Diese Namen sagen Ihnen überhaupt nichts? Nun, dann gibt es wohl nur zwei Erklärungen: Erstens: Sie sind ebenso verrückt wie der Nonsense-Architekt Bergholt Stuttley „Bloody Stupid“ Johnson, der gerne mit Treibsand als Baumaterial arbeitete - oder zweitens: Sie sind völlig resistent gegen die Verlockungen der phantastischen Literatur.

          Terry Pratchett, der Schöpfer all dieser kurioser Gestalten, Orte und Berufe, ist ein Phänomen: Seit über 25 Jahren schreibt der 1948 in Buckinghamshire geborene Schriftsteller Fantasy-Romane in Serie, durchschnittlich entstehen zwei neue Bücher im Jahr. 1983 erschien mit „Die Farben der Magie“ der erste Band von bis dato 38 Bänden seines enorm erfolgreichen Scheibenwelt-Zyklus. Inzwischen beträgt die verkaufte Gesamtauflage seines Werkes weit über 50 Millionen Exemplare. Mit unzähligen Verfilmungen, Computerspielen, Anthologien und Fan-Kompendien ist das bunt schillernde „Discworld“-Universum längst ein Mainstream-Phänomen geworden, ein subversives, modernes und satirisches Gegenstück zur pathetischen High Fantasy à la Tolkien & Co. Pratchett versteht seine Romane als unterhaltsame Gesellschaftskritik, es gibt Verweise auf Filme, Computer, Rock'n'Roll; windige Geschäftsmänner und sture Bürokraten zählen ebenso zum personellen Inventar wie tumbe Naivlinge und sympathische Verlierer.

          Das Spiel mit aktuellen Begebenheiten und popkulturellen Klischees beherrscht der 2008 zum „Sir“ geadelte Autor wie wohl kein zweiter in seiner Branche. Die Realität wird im Spiegel einer phantastischen Parallelwelt reflektiert, der Alltag magisch verfremdet, aber nicht überhöht. Im Fantasy-Genre ist Pratchetts Position derzeit wohl einzigartig: Während sein humanistisch geprägtes Werk mittlerweile zur Spielwiese für Literaturwissenschaftler geworden ist, hat sich über die Jahre eine weltweite Leser-Subkultur formiert, die sich über Conventions, Fanclubs und Internetportale austauscht und jedem neuen Werk des Meisters begierig entgegen fiebert.

          Dem Abschied entgegenschreiben

          Vor zwei Jahren allerdings verdunkelte eine Hiobsbotschaft urplötzlich den Himmel über dem scheibenweltlichen Kreideland und der Sto-Ebene: Im Dezember 2007 wurde eine seltene, früh einsetzende Variante der Alzheimer-Krankheit bei Pratchett diagnostiziert - eine Nachricht, die vor allem in seiner britischen Heimat großes Aufsehen erregte: Die Spende von 1 Million Dollar, die der Bestseller-Autor umgehend dem „Alzheimer Research Trust“ zur Verfügung stellte, wurde von besorgten Fans in einer eilends gestarteten Internet-Kampagne rasch verdoppelt, die BBC strahlte ein zweiteiliges Fernseh-Interview zum Thema aus und Pratchett selbst erbat von Premierminister Gordon Brown die Erhöhung des staatlichen Finanzetats für die Demenzforschung.

          Seither läuft dem achtfachen Ehrendoktor und nach Joanne K. Rowling zweiterfolgreichstem Autor Englands die Zeit davon. Noch zwei weitere Romane könne er vielleicht schreiben, ließ Pratchett im November 2008 verkünden, derweil kämpft er als Vorsitzender des Vereins „Dignity in Dying“ um das Recht, seinem Leben zu gegebener Zeit selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Somit wird jedes neue Werk des glatzköpfigen Hut-Trägers zu einer wehmütigen Abschiedsvorstellung. Gerade ist im Verlag Doubleday „Unseen Academicals“ erschienen, Pratchetts neuester Streich aus der Scheibenwelt-Saga, das sich diesmal vor allem mit den bizarren Auswüchsen der Fußball-Kultur auseinandersetzt. Doch der Autor kann auch anders: Sein vorletztes Werk „Nation“, das seit Kurzem auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Eine Insel“ vorliegt, spielt seit Langem einmal wieder außerhalb des Discworld-Universums - und zwar in einer leicht modifizierten Variante der irdischen 1870er Jahre.

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