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Michael Moorcock wird 80 : Juwelier der Ewigkeit

Sie baden gerade ihr Gehirn darin: Szene aus „Verrückt und gefährlich“, 1973. John Finch, Mitte, muss man sich allerdings als Tilda Swinton denken. Bild: Picture-Alliance

Ohne ihn wären Fantasy, Science Fiction, Comics und Spiele heute anders, und wohl viel schlechter, als sie sind. Sogar ein Gegengift gegen den Tod der Hoffnung hat er gefunden – dem Schriftsteller Michael Moorcock zum achtzigsten Geburtstag

          5 Min.

          Dass William Shakespeare nie einen Roman geschrieben hat, tut nicht nur der Literaturkunde leid. Er wäre als Erzähler gewiss nicht schwächer gewesen als im dramatischen Fach; in seinen Stücken gibt’s ja oft kleine Proben davon, wie seine Erzählstimme klingen könnte, aus dem Mund dieser oder jener Figur. Wieviel schriftstellerisches Selbstvertrauen aber gehört dazu, den Job zu übernehmen und das Buch zu verfassen, das wir lesen dürften, wenn Shakespeare eben doch Romancier gewesen wäre?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          1978 erschien „Gloriana, or The Unfulfill‘d Queen“ von Michael Moorcock. Der Autor erzählt darin von der Königin des Reiches Albion, in dem man das allegorische England des Dichters Edmund Spenser wiedererkennen darf, der, wie Shakespeare zur Zeit der ersten (und für die Kunst: einzig wahren) Elizabeth lebte. Die Rivalität zwischen Adel und Bürgertum kalibrierte diese Herrscherin so geschickt, dass Wissenschaften und Künste eine märchenhafte Blüte erlebten, und genau dieses Märchen erzählt Moorcock in „Gloriana“, allerdings mit einem dämonischen Subtextflüstern vom Anbrechen einer neuen Zeit, zerrissen, unsicher, aufregend, grausam, blödsinnig, hyperintelligent: der Moderne, die unter anderem eine künstlerische Stilepoche ist und zugleich deren Gegenteil, ein Sumpf aus Kitsch und Kram namens Kulturindustrie.

          Seine Welt ist ein Multiversum

          Der Brite Moorcock, der heute in Texas lebt („ich bin von der Insel geflohen, auf der Suche nach neuen Mythen“), kennt sich mit der Kunst wie mit dem Massenkultursumpf aus; in den Sechzigern war eine seiner Haupteinnahmequellen Comics, die er für den Verlag Fleetway schrieb: Tarzanzeug, Western, Krimis, darunter Superquatsch wie die „Zip Nolan of the Highway Patrol“-Story, in der sich Beatniks als klassische Römer verkleiden, um einen Supermarkt auszurauben. Wenn ihn die vorhandenen Genres langweilten, schuf er neue wie in den Romanen „Warlord of the Air“ (1971) und „The Land Leviathan“ (1975), zwei Zauberteppiche aus Flicken, die Jules Verne und H.G. Wells weggeworfen hatten – was man heute „Steampunk“ nennt, hat hier seinen Ursprung.

          Seine Neugier trieb Moorcock in Häuser, die Modelle für LSD-berauschte Menschenköpfe sind („The Final Programme“, 1968) und zur Schädelstätte der Kreuzigung Jesu („Behold the Man“, 1969), einen Rahmen gab er diesen Reisen ins Überall mit der Meta-Epik um die Figur des „Eternal Champion“, des Ewigen Helden, der mal, als moroser Albino, Elric von Melniboné heißt und der letzte Prinz eines untergehenden Königreichs ist, mal Artos der Kelte, mal Karl Glogauer (ein Jude des zwanzigsten Jahrhunderts, der nach einer Zeitreise den Platz des Gekreuzigten einnimmt) und immer entweder fürs Chaos oder für die Ordnung kämpfen muss, in unendlicher Opposition gegen diejenigen dieser beiden Parteien, die gerade zu übermächtig ist an irgendeinem Ort, zu irgendeiner Zeit des „Multiversums“. So nennt Moorock seine Welt-aus-Welten; ihr Name kommt erstmals in seiner Science-Fiction-Erzählung „The Sundered Worlds“ (1962) vor, den in ihr verwirklichten Zeitbegriff hat er in „Mother London“ (1988) erläutert: „Die meisten Theorien über die Zeit sind zu einfach gedacht. Sie versuchen, der Zeit die Form einer Linie oder eines Kreises aufzuzwingen, aber ich glaube, dass Zeit ein Juwel voller Facetten ist, ein Edelstein mit unendlich vielen Ebenen und Schichten, die man weder abbilden noch zusammenfassen kann. Dieses Bild ist mein Gegengift wider den Tod.“

          Aus dieser Haltung heraus hat Moorcock bewiesen, dass Fantasyliteratur sich nicht in süßlicher Wichtelidyllik, Verklärung vorindustrieller Verhältnisse oder Orcs-gegen-Elben-Rassenwahn erschöpfen muss, und wurde damit zum ersten (und bis heute größten) echten Modernisten dieser Textgattung. Gemerkt hat das der Literaturbetrieb in Großbritannien spätestens mit „Mother London“, einem Buch, das, in der Mehrfachverkleidung einander widersprechender Stimmen verfasst, das Schicksal der Stadt, die Moorcock liebt, vom Zweiten Weltkrieg bis in die Thatcherzeit magisch-realistisch zum Klingen bringt, klar wie Glas und symphonisch reich. Rezensionen priesen das Werk und auf die Shortlist zum Whitbread Prize (heute Costa Book Awards), wo sich Phantastik sonst nicht findet, hat es sich auch verirrt. Moorcock lag wohl nicht viel daran, die Anerkennung der approbierten Literaturbewertungsinstanzen hat er kaum gesucht, sondern sich stattdessen mit Rockbands (von Deep Fix bis Hawkwind) herumgetrieben, Freundschaften mit wichtigen Feministinnen geschlossen und gepflegt (von Angela Carter bis Andrea Dworkin) und nebenbei als Herausgeber der Zeitschrift „New Worlds“ während der Sechziger und Siebziger ästhetische, politische und publikumserweiternde Erneuerung der Science Fiction mitgeformt, der die Kritikerin Judith Merrill in Ahnlehnung an einen „Nouvelle Vague“ genannten ähnlichen Vorgang im französischen Kino den Namen „New Wave“ verlieh.

          Wahnsinn, Lügen und Geschichte

          Die vier Bände der „Colonel Pyat“- Tetralogie, „Byzantium Endures“ (1981), „The Laughter of Carthage“ (1984), „Jerusalem Commands“ (1992) und „The Vengeance of Rome“ lassen einen unzuverlässigen Erzähler namens Maxim Arturovitch Pyatnitski, geboren am 1. Januar 1900 in Kiew, das Jahrhundert, das so alt ist wie er selbst, von Grundsätzen aus nacherzählen, die er selbst nicht glauben kann, getrieben von der Idee, die Menschheit bedürfte der Verbesserung und Herr Pyat selbst, ein übler Lügner, sei der Richtige, ihr zu erklären, wie diese Verbesserung vonstatten gehen soll. Moorcock verabscheut solche Menschen, paradox könnte man sagen, dass ihr Denken entlang der vereinfachenden Achse „Gut und Böse“ das Einzige ist, was er wirklich zutiefst böse findet. Entsprechend seiner Abneigung hiergegen gibt es in seinem Werk eher niemanden, der für „das Gute“ steht, aber doch eine Figur, der man zumindest zutrauen darf, sich vor der Komplexität der Wirklichkeit wie der Phantasie nicht komplett zu blamieren. Moorcocks größte Gestalt, in keinem herkömmlichen Sinn des Wortes „heroisch“, sondern bleich, verantwortungslos, immer kurz vor dem Absinken in die Depression oder dem Abheben in die Manie, heisst Jerry Cornelius. Dieser Anti-James-Bond in der Dauerparty der Londoner „Swingin‘ Sixties“ und der Katerstimmung danach ist ein Erbe der Commedia dell’arte mit druckgetriebener Nadelpistole, der Whisky trinkt, während er im Sportwagen am Steuer sitzt oder bevor er ins Hubschraubercockpit steigt, seinen Bruder Frank hasst und seine Schwester Catherine liebt, manchmal (Zeit ist heikel) aus Versehen tötet und sich gelegentlich mit ihr verwechselt.

          Jerrys Ur-Heimat sind vier Romane, das sogenannte „Cornelius-Quartett“ der Bücher „The Final Programme“ (1968), „A Cure for Cancer“ (1971), „The English Assassin“ (1972) und „The Condition of Muzak“ (1977, Moorcocks allerbestes Buch, eins der besten in der Geschichte der spekulativen Literatur überhaupt). In zahlreichen Texten nicht nur von Moorcock – andere Leute, vom Kollegen M. John Harrsion bis zum Comiczeichner Moebius, werkeln seit Jahrzehnten an diesem mit –, hat sich die Gesamtstruktur des Quartetts ins Uferlose reproduziert, in Variationen eher als in genretypischen „Fortsetzungen“.

          Es gibt eine nett wahnsinnige Verfilmung des ersten der Quartettromane von Robert Fuest aus dem Jahr 1973 unter dem selben Titel, den auch das Buch trägt (auf Deutsch heißt der Film sehr richtig: „Verrückt und gefährlich“), Moorock hat sie nicht gefallen, schon Jerrys Darsteller Jon Finch schien ihm fehlbesetzt. Er wünscht sich für die Rolle, falls es nochmal jemand wagt, Tilda Swinton, erklärt sich auf Nachfrage auch mit Johnny Depp einverstanden, aber die offensichtliche Idealbesetzung, David Bowie, steht leider nicht mehr zur Verfügung.

          Moorcock gönnt dem meisten, die etwas mit Jerry veranstalten wollen, die Figur von Herzen, holt sie sich selbst aber gelegentlich zurück, wenn er sie braucht, um mit ihrer Hilfe irgendetwas Brillantes zum Zeitgeschehen zu bemerken, zuletzt in zwei vorzüglichen Alterswerken, „Firing the Cathedral“ und „Pegging the President“, beide in Buchform 2018 publiziert. Wenn die Zeit ein Juwel ist, verraten diese Bücher, dann ist Jerry Cornelius der passende Juwelendieb dazu; aber das Auffrischen alter Glanztaten genügt Moorcock nicht, so wenig wie das Lob ausgerechnet der „Financial Times“ für den überzeugten Anarchisten, er habe Fantasy, Science Fiction, Comics und von seinen Werken beeinflusste Spiele mit und ohne Computer erst zu dem gemacht, was sie heute sind (dass er das gerne hört, ist unwahrscheinlich). Anstatt sich um derlei zu kümmern, findet immer noch neue Formen für neue Inhalte, wie 2015 mit dem semi-autobiographischen Roman „The Whispering Swarm“, der Memoiren und Unwirkliches mit einer Eleganz ineinanderpuzzzelt, neben der die aktuellen Künste vieler fünf bis sechs Jahrzehnte jüngerer Kolleginnen und Kollegen geradezu vergreist wirken.

          Heute wird Michael Moorcock achtzig Jahre alt.

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