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F.A.Z. Woche : Liebe und Sex? Überbewertet!

Wollen wir nicht Freunde bleiben? Gute Idee, findet die Gerichtspsychiaterin. Bild: plainpicture/Millennium/Petr Str

Wir haben uns auseinandergelebt, heißt es am Ende einer Liebesgeschichte. In ihrem Buch „Tatort Trennung: Ein Psychogramm“ plädiert die Psychiaterin Heidi Kastner für Ausdauer in Beziehungen – und weniger Romantik.

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          Sie widerspricht Tolstoi: Alle glücklichen Familien glichen zwar einander, aber eines konnte die Psychologin Heidi Kastner in den vielen Jahren ihrer Arbeit beobachten: Auch jede unglückliche Familie, jedenfalls jedes unglückliche Paar, sei auf ähnliche Weise unglücklich. "Wir haben uns auseinandergelebt", heißt es oft. Die Freunde setzen dann ein bekümmert-wissendes Lächeln auf und nicken verständnisvoll. Ja, so ist das nun einmal, Liebe vergeht - und gibt es da draußen nicht unzählige Menschen, mit denen man vielleicht besser zusammenpasst, mit denen man endlich das wahre Glück findet?

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Blödsinn, findet Heidi Kastner. Die Gerichtspsychiaterin und Chefärztin der Landesnervenklinik in Linz hat viele Beziehungen zerbrechen, Rosenkriege vollends eskalieren und Väter und Mütter zu Mördern werden sehen. Bekannt wurde sie als Gutachterin im Fall Joseph Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang gefangen gehalten und missbraucht hat. Aus ihren Einblicken in menschliche Abgründe leitet Heidi Kastner in ihrem Buch "Tatort Trennung. Ein Psychogramm" (Kremayr & Scheriau, 22 Euro) eine überraschende und zugleich radikale Erkenntnis ab: Paare sollten sich so selten wie möglich trennen.

          Doch etwa vierzig Prozent der verheirateten Paare in Deutschland und Österreich, der Heimat der Autorin, tun es. Heidi Kastner hat sich über dieses notorisch als Grund für das Beziehungsende genannte "Auseinanderleben" gewundert. Sobald sie Menschen nach der Bedeutung dieser Aussage fragte, kam oft - nichts. Oder sie nannten Banalitäten wie Haare im Waschbecken oder schmutzige Socken im Bad. Aber machen solche Kleinigkeiten Paare wirklich so unglücklich, dass ihnen eine Trennung als die bessere Alternative erscheint? Und wie lässt sich das Unglück vermeiden? Heidi Kastners Antwort überrascht wenig: Viel harte Arbeit an sich selbst sei die Voraussetzung für jede funktionierende Beziehung. Und: Die romantische Liebe und Sex würden völlig überbewertet.

          Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche:

          Haben es die Großeltern also richtig gemacht? Geheiratet, weil es die Eltern für eine gute Idee hielten; zusammengeblieben, weil man es so von ihnen erwartet hat? Nein, nicht unbedingt. Natürlich gibt es gute Gründe für Trennungen - wenn der andere einen in seiner Würde verletzt, nicht akzeptiert, nicht respektiert. Die entscheidende Frage für eine Trennung, sagt Kastner, sollte aber nicht sein: Finde ich noch einen Besseren? Sondern: Bin ich allein zufriedener? Ihre Prognose: Wahrscheinlich folgt kein besserer Partner. Der Frust über die enttäuschten Erwartungen, vom allgegenwärtigen Liebeskitsch angefeuert, stelle sich wahrscheinlich in der nächsten Beziehung abermals ein. Eingebrockt habe uns dieses fatale Ideal, Liebe, Sexualität und Ehe gleichermaßen erfüllt zu leben, das aufstrebende Bürgertum im achtzehnten Jahrhundert, sagt Heidi Kastner. Kein mittelalterlicher Mensch, so die Psychologin, hätte diese Fülle von Unvernunft und Lebensverachtung verstehen können. Auch sie scheint darüber den Kopf zu schütteln.

          Man kann Heidi Kastners Buch als Kampfansage an die romantische Liebe lesen oder als Kritik an einer Gesellschaft voller Egomanen, deren Drang nach Selbstverwirklichung und individuellem Glück wenig Kompromisse zulässt. Worum es ihr aber vor allem geht, ist Schadensminimierung. Der Verlust einer emotionalen Bindung, sagt Kastner, sei das belastendste Ereignis im Leben eines Menschen. Für Kastner ist daher jede Trennung ein Tatort. Hier werden Menschen in Verzweiflung gestürzt, in Verbitterung getrieben und in ihrer Selbstdefinition erschüttert. Ein Tatort, den es zu vermeiden gilt.

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