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Ezra Pound : Die Antwort auf alle Fragen ist in seinen Cantos verborgen

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Die Brunnenburg, Landwirtschaftsmuseum und Ezra-Pound-Gedänkstätte, mit Blick über das Meraner Tal. Bild: Rainer Jahns

Ezra Pound ist einer der größten, aber auch einer der umstrittensten Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Besuch bei seiner neunzigjährigen Tochter Mary de Rachelwiltz in Südtirol.

          Der Blick aus dem im ersten Stock gelegenen Salon, von Mary de Rachewiltz liebevoll das „Pound-Zimmer“ genannt, ist in der Tat beeindruckend. Nachdem sie mit geübten, ruckartigen Bewegungen den schweren Leinenvorhang vor der mehrflügeligen Fensterfront zurückgestreift hat, erstreckt sich vor dem Besucher ein romantisches Tableau aus Weinbergen, Obstgärten und weitverzweigten, wie Adern die Landschaft durchziehenden Wanderwegen, die bei den im Sommer zahlreich einfallenden Touristen hoch im Kurs stehen.

          Eingesäumt von den im Südosten sich in die Dolomiten ausweitenden Hochalpen, liegt unten im Tal der Kurort Meran, mit knapp 40.000 Einwohnern nach Bozen die zweitgrößte Stadt Südtirols. Dabei lässt der Blick von der Brunnenburg, die im dreizehnten Jahrhundert auf einer Anhöhe unweit des Dorfes Tirol von dem Tiroler Adelsgeschlecht der Taranten erbaut wurde, heute nur noch erahnen, was Marys berühmter Vater, der amerikanische Dichter Ezra Pound, hier gesehen oder besser „nicht“ gesehen haben muss, als er 1958 nach zwölfjähriger Internierung in einer psychiatrischen Klinik für Kriminelle in Washington zu seiner Tochter nach Südtirol zurückkehrte. Vom „Pound-Zimmer“ aus wird man Zeuge der anhaltenden Attraktivität Merans, die der Stadt die unvermeidlichen Verkehrstrassen, Ferienwohnungen und Wellness-Oasen beschert hat. Von hier oben betrachtet, erscheint die Landschaft immer noch weit und sublim, doch der Einzug der Moderne in das von politischen Spannungen und nationaler Ambivalenz geprägte Südtirol ist nicht zu übersehen.

          Ein Hohepriester moderner Literatur

          Wenn ahnungslose Besucher, angelockt von dem bescheidenen landwirtschaftlichen Museum, das einer der Urenkel Pounds hier betreibt, den kurzen, aber steilen Abstieg von Dorf Tirol zur Burg hinunter auf sich nehmen, dann ist es wohl vor allem das eindrucksvolle Panorama des Meraner Tals, das ihnen im Gedächtnis bleibt – nicht die hier versammelten Artefakte der „Pound Ära“, wie der kanadische Kritiker Hugh Kenner die von Ezra Pound wesentlich mitgeprägte anglo-amerikanische Moderne genannt hat, nicht die Handschriften, Aufzeichnungen, Notizbücher und Briefe Pounds, die anschaulich seine Rolle als Mentor zahlreicher mit ihm befreundeter und korrespondierender Schriftstellerkollegen wie T.S. Eliot, James Joyce oder Ernest Hemingway belegen; und auch nicht die vielen Porträts, Fotografien (unter anderen von Henri Cartier-Bresson) und Büsten des Dichters, die die Brunnenburg nicht nur zu einer Fundstätte für Pound-Forscher, sondern für Kunstinteressierte insgesamt machen.

          Schon am Eingang zur Burg findet man den Nachguss einer monumentalen Plastik, die der im Ersten Weltkrieg gefallene Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska von seinem Londoner Förderer und Freund Ezra Pound angefertigt hat, und die heute in der National Gallery of Art in Washington zu besichtigen ist. In der 1914 fertiggestellten, kubistisch anmutenden Büste spiegelt sich bereits die ganze Ambivalenz und Tragik der Persönlichkeit Pounds: von Gaudier-Brzeska nicht ohne Ironie als „hieratischer Kopf Ezra Pounds“ betitelt, begegnet einem hier tatsächlich das Abbild eines eher zürnend als wohlwollend dreinblickenden „Hohenpriesters“ moderner Literatur, dessen bedingungslose Hingabe an die Erneuerung der Kunst ihn – wie viele andere Zeitgenossen – in späteren Jahren für totalitäre Ideologien empfänglich gemacht hat.

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