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Exilliteratur : Ein Gelächter in der Hölle

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Ein Leben lang waren sie zusammen, auch im Exil: Becher uns seine Frau Dana Roda Becher um 1950 Bild: privat

Mit 23 war Ulrich Becher berühmt, mit 30 war er vergessen: ein deutscher Autor im Exil. Jetzt, endlich, wird sein großer Emigrationsroman „Murmeljagd“ wiederaufgelegt.

          Im „Hinteren Sternen“ haben sie gesessen, dem Antinazitreffpunkt jener Tage in Zürich, im Herbst 1938, haben getrunken und getrunken, Ulrich Becher und sein Entdecker Ernst Rowohlt, und als sich Becher später daran erinnert, an das Zechen und an seinen Entdecker, fügt er hinzu, Rowohlt habe ihn „sozusagen für die Katz' entdeckt“. Das schrieb der Schriftsteller Ulrich Becher 1960 auf, 1970 schrieb er es noch einmal. 1980 hätte er es mit noch größerem Recht schreiben können. Und 1990 war er tot. Ein Leben für die Katz'.

          Es hätte ein großes werden können: Er war zwölf, als ihn seine Mutter, die Schweizer Konzertpianistin Elise Becher-Ulrich in Franz Pfemferts „Aktion“-Buchladen in Berlin-Wilmersdorf mitnahm, ihm Romain Rolland zu lesen gab und ihm die Welt anhand von George-Grosz-Bildern erklärte. Er war siebzehn, als er an der Tür des Ateliers jenes George Grosz klopfte, der ihn kurz darauf als seinen ersten Meisterschüler annahm und ausbildete. Er war zwanzig, als er seine ersten Novellen schrieb, einundzwanzig, als sie Rowohlt unter dem Titel „Männer machen Fehler“ herausbrachte, zweiundzwanzig, als sein erstes Drama „Niemand“ von Erwin Piscator zur Uraufführung angenommen wurde, und dreiundzwanzig, als sein Stück und sein Buch 1933 in Nazideutschland verboten wurden. Rasendes Beginnen - rasendes Ende.

          Es war natürlich nicht wirklich zu Ende. Becher ging ins Exil, am Tag nach dem Reichstagsbrand verließ er Deutschland, hatte nach dem Krieg auf deutschsprachigen Bühnen mit neuen Theaterstücken wie dem „Bockerer“ sogar einigen Erfolg. Aber er war einer jener Autoren, denen die Jahre in der Emigration den Boden unter den Füßen weggerissen hatten. Seine Heimat, seine Sprache, sein Publikum waren ihm einmal abhandengekommen. Das kommt nicht wieder. Die alte Sicherheit kommt nicht wieder. Der Glaube daran, dass man auf festem Boden steht und schreibt, der ist verloren, für immer.

          Und wenn der gute Schöffling-Verlag den hundertsten Geburtstag Ulrich Bechers, der am vergangenen Wochenende in dröhnender Ruhe an uns vorüberging, nicht genutzt hätte, um „Murmeljagd“, sein Meisterwerk, das Siebenhundert-Seiten-Epos des Exils, neu herauszubringen, dann wäre die Stille um diesen Mann, um dieses Werk vollkommen. Denn sonst ist heute keines seiner Bücher mehr lieferbar. Ein verschwundenes Werk. Entdeckt und geschrieben für die Katz'. (Hallo, Rowohlt-Nachfahren! Jemand zu Hause?)

          Kampfeslustige Moral

          Aber genug geklagt. Hier ist ja immerhin dieses eine tolle Buch, in dem man den ganzen Becher nachlesen kann. Seinen ganzen Sprachwitz, seine Worterfindungskunst, seine Weltbeobachtungsgabe, die Kunst, Menschen schreibend zu sezieren und doch sich eine Liebe dabei zu bewahren. Eine Liebe zum Leben, wie es ist, das Leben im Exil in permanenter Todesnähe. Eine große Phantasie, verbunden mit einem radikalen Realitätssinn und Wut und Mut und Angst und eine kampfeslustige, kompromisslose Moral. Das ist der Becher, wie er in diesem Buche steht.

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