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Ernst Jüngers Haus : Die Ordnung der Dinge

  • -Aktualisiert am

In sogenannten Reffs werden die Bücher genau so transportiert, wie sie in den Regalböden standen Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Seit seinem Tod im Jahr 1998 gleicht das Wohnhaus des Dichters Ernst Jünger in Wilflingen einer Wunderkammer: Nichts ist verändert worden. Nun wird das Haus saniert. Der Nachlass wandert derweil ins Archiv nach Marbach. Aber wie macht man das? Ein Umzugsprotokoll.

          Einen Tag nachdem er vom Tod seines Sohnes erfahren hatte, notiert Ernst Jünger am 13. Januar 1945 in seinem Tagebuch: „War heute in der kleinen Bodenkammer, die ich ihm abgetreten hatte und in der noch ganz seine Aura war. Trat leise ein, als in ein Heiligtum. Fand unter seinen Papieren dort ein Tagebüchlein, beginnend mit dem Motto: ,Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin die Reise geht.'“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit elf Jahren, seit seinem Tod im Jahr 1998, gleicht Ernst Jüngers Wohnhaus in Wilflingen einer Wunderkammer, die der Schriftsteller an die Nachwelt abgetreten hat. Es sind nicht allzu viele Besucher, die hierherkommen, um einer Aura nachzuspüren, die noch immer gegenwärtig ist. Sie wohnt in den Räumen und haftet an den Dingen, von denen jedes einzelne nach wie vor an dem Ort steht, den der Hausherr ihm zugewiesen hat. Es gibt keine vergleichbare Autorengedenkstätte. Denn nirgendwo sonst wären die authentischen Lebensumstände eines Schriftstellers im Augenblick seines Todes auch nur annähernd so vollständig konserviert wie hier. Die Bücher, die letzte Lektüre auf dem Nachttisch im spartanisch möblierten Schlafzimmer, die Bilder der verstorbenen Freunde auf dem Fensterbrett, die Stifte und Schreibfedern auf dem Tisch, der den entomologischen Arbeiten vorbehalten war, die Fotografien und Gemälde an den Wänden, die tausend Kleinigkeiten, Erinnerungsstücke und Reiseandenken, die überall im Haus verteilt sind - nichts von alldem ist verändert worden. Alles wirkt noch immer so, als hätte der Hausherr nur gerade einmal die Zimmer verlassen, um im Garten nach seinen Schildkröten zu sehen.

          Möbelpacker und Auraforscher

          Dass jeder Raum, in dem einmal ein Dichter lebte, dass jeder Gegenstand, der ihm gehörte, auch nach Jahrzehnten noch zu seinen Betrachtern zu sprechen vermag, ist die Voraussetzung jeder literarischen Gedenkstätte und gehört zu den Grundpfeilern der Dichterverehrung, wie sie sich im neunzehnten Jahrhundert gebildet hat. In Wilflingen jedoch scheint jedes Ding nicht über, sondern für seinen Besitzer sprechen zu wollen: „Bin gleich zurück!“

          „Die Aura”, schrieb Jünger über sein haus, „haftet besonders an organischen Stoffen ...”

          Was die Dinge nicht wissen: Gleich geht es los. Es mögen sechzig-, siebzigtausend oder noch mehr Gegenstände sein, die Ernst Jünger im Lauf seines mehr als hundertjährigen Lebens um sich versammelt hat. Nun wird jeder einzelne von ihnen verzeichnet, verpackt und auf die Reise geschickt. Das Jünger-Haus muss für die seit Jahren anstehende, dringend nötige Sanierung leergeräumt werden, und während der Bauarbeiten wird das gesamte Inventar des Hauses ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach verbracht, wo es durchgesehen, registriert und zwischengelagert wird. In einem Jahr, wenn die Arbeiten in Wilflingen beendet sind, soll alles zurücktransportiert und die alte Ordnung bis ins kleinste Detail rekonstruiert werden. Was hier geschieht, ist eine Reise, wie noch kein Autorennachlass sie je angetreten hätte. Es ist ein Umzug, wie es ihn seit Anbeginn der Dichterverehrung noch nicht gegeben hat.

          Die Reisebegleiter, die auch Möbelpacker, Authentizitätsexperten und Auraforscher sind, stehen um neun in der Frühe bereit. Sie haben für den Umzug eine Arbeitswoche einkalkuliert. Die Vorarbeiten sind seit zwei Monaten im Gang, als ein Mitarbeiter des Literaturarchivs nach Wilflingen kam, um ein detailliertes Verzeichnis der Gegenstände und ihrer Standorte anzulegen. Zusammen mit einer bereits 1998 angelegten Inventarliste, detaillierten Skizzen aller Räume und etwa vierhundertfünfzig Fotografien, die Raum- und Detailzusammenhänge dokumentieren, bildet es die Generalstabskarte für ein Unternehmen, dessen Durchführung sorgfältigster Planung bedurfte.

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