https://www.faz.net/-gr0-14cpq

Ernst Jüngers Haus : Die Ordnung der Dinge

  • -Aktualisiert am

Erste Fragen werfen die Baumaßnahmen auf: Dürfen die Elektroleitungen, die aus Brandschutzgründen dringend erneuert werden müssen, künftig unter Putz liegen, wenn sie zu Jüngers Lebzeiten sichtbar waren? Und welches Datum markiert bei dem fast dreihundert Jahre alten Gemäuer eigentlich den authentischen Zustand - das Jahr von Jüngers Einzug, sein Todesjahr oder das Jahr der letzten von ihm selbst angeordneten Renovierung der Räume?

„Früher hätten wir ihn auf Reisen geschickt, um in Ruhe streichen lassen zu können“, sagt Monika Miller-Vollmer. Sie stand Ernst Jünger und seiner heute am Bodensee lebenden Frau Liselotte in den letzten Jahren zur Seite und ist danach Kustodin der Gedenkstätte geworden. Sie führte jeden Besucher selbst durchs Haus und klärt nun die Marbacher darüber auf, welche Bewandtnis es mit den Gegenständen hat, bevor sie verpackt werden und in den Transportkisten verschwinden. Sie hat Hebe, die sich im Garten verkrochen hatte, vor wenigen Tagen in den Keller gebracht, wo sie vor Bodenfrost sicher ist, und nun führt sie den Schornsteinfeger auf den Dachboden.

Natürlich gibt es auch Jüngersche Adnoten zu den Eigentümlichkeiten der Dachböden alter Häuser, aber auch sie sind im Umzugstrubel gerade nicht aufzufinden. Stattdessen öffnet Monika Miller-Vollmer eine schwere Holzkiste, die dem im Krieg gefallenen ersten Mann von Liselotte Jünger gehörte. Sie ist randvoll mit Korrekturfahnen, die Jünger handschriftlich bearbeitet hat und die noch von niemandem gesichtet wurden. Obenauf liegt eine fünfzig Jahre alte Zeitungsseite mit einem Foto Martin Heideggers. In der Mehlkiste an der Wand lugt unter braunem Packpapier eine Zeitungsecke hervor, die vermeldet, dass Saul Bellow den Nobelpreis erhält. Das war 1976.

Von welcher Art mögen die Überraschungen sein, an die Jünger dachte, als er empfahl, die Zeit in immer feinere Schichten zu schneiden? „Die Inhalte würden zwar zunächst noch starrer werden, dann aber würde sich ihre Form, ihr Unterschied verlieren, und Zeitmonaden würden aufleuchten. Wir würden uns dem Quell der Illusionen annähern.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Abes große Pläne : Japan ruft den Coronavirus-Notstand aus

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe zieht in der Pandemie einen Vergleich mit der großen Depression in den Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren. Seine Abhilfe: ein Konjunkturprogramm im Umfang von umgerechnet 915 Milliarden Euro.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.