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Ernst Jüngers Haus : Die Ordnung der Dinge

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Mit ein wenig Glück gewähren einem die Tagebücher Aufschluss. Und tatsächlich, am 6. Januar 1986, hält Jünger fest, dass sein „Naturalienkabinett durch das Schwanzende einer Klapperschlange“ bereichert wurde. Ein Geschenk, und sein Empfänger dringt sogleich zum Kern der Klapper vor: „Klappern und rasseln. Es liegt in der Natur der Sprache, dass sie der hörbaren Welt dichter anliegt als der sichtbaren.“

Ein Lebensmuseum

Die Schiller-Gesellschaft in Marbach kann über etwa dreihundert Gegenstände verfügen, die Friedrich Schiller gehört haben sollen oder zumindest gehört haben könnten. Damit bestückt sie recht problemlos Schillers Geburtshaus, die neue Dauerausstellung im soeben sanierten Schiller-Nationalmuseum sowie allfällige Jubiläumsausstellungen. Schon die ersten, im Jahr 1905 angelegten Inventarbücher unterschieden zwischen Handschriften, Druckschriften sowie „Bildnissen und Reliquien“, die im Gegensatz zu den schriftlichen Quellen bis vor wenigen Jahren kaum erforscht wurden. Viel ist von der kunstreligiösen Prägung der Dichterverehrung heute nicht mehr geblieben. Nur im Reliquienkult, in der unverminderten Anziehungskraft, die von Locken und Socken, Tabaksdosen und Zahnstochern ausgeht, hat sie sich erhalten. Von der Literaturwissenschaft weitgehend ignoriert, wurden die Dinge der Dichter erst den Kulturwissenschaften zum Thema.

Deshalb wird das einzigartige Umzugsprojekt nicht nur von Thomas Schmidt, dem Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg, und seinen Kollegen vom Deutschen Literaturarchiv mit Hingabe betrieben, sondern auch von einer Kulturwissenschaftlerin begleitet. Für das in Marbach und Tübingen angesiedelte und vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderte Projekt „Wissen & Museum“ ist das Jünger-Haus ein „Präzedenzfall“: Im Gegensatz zur inszenierten Ausstellung, für die aus Archivbeständen stammende Objekte ausgewählt und arrangiert werden, hat man es in Wilflingen mit einer „unkuratierten Ausstellung in Form eines Lebensmuseums“ zu tun.

Was die teilnehmende Beobachterin vom Tübinger Ludwig-Uhland-Institut vor allem interessiert, ist die Frage, wie Bedeutungszuweisungen erfolgen. Was passiert mit den Dingen, wenn sie aus dem Lebensmuseum, der musealisierten Biographie im Dichterwohnhaus, ins Archiv wandern? Wohnt die Aura den Dingen selbst inne, strömt sie ihnen aus dem Zusammenhang der authentischen Wohnräume zu, oder wird sie allein aus dem Wissen des Betrachters gespeist, der sich angesichts des Klapperschlangen-Schwanzes in der Plastikdose an Jüngers sprachphilosophische Erwägungen erinnert? Und wer wollte entscheiden, ob die Inszenierung von Leben, Werk und Person, die Jünger selbst unzweifelhaft in der Bibliothek vorgenommen hat, wo er Kohl und Mitterrand empfing, an der Tür zu seinem Schlafzimmer ihr Ende fand?

Dürfen die Elektroleitungen unter den Putz?

Auch Schmidt, der einige Dutzend literarische Gedenkstätten in Baden-Württemberg betreut, von Hesse in Calw und Kerner in Weinsberg bis Hebel in Hausen und Wieland in Biberach, wo soeben eine schöne Ausstellung im ehemaligen Gartenhäuschen Wielands eröffnet wurde, vermag nicht immer auf Anhieb zu entscheiden, wann ein Objekt aus sich heraus zu sprechen vermag und wann es der Re-Auratisierung durch den Kurator bedarf. Im Jünger-Haus scheint der Fall klar zu liegen: Wenn die Sanierung vorüber ist, soll der Originalzustand wiederhergestellt werden. Aber wird das überhaupt möglich sein? Bislang hat es keine Absperrungen in den Räumen gegeben, und die Besucher sind über die Teppiche gelaufen, die Jünger zum Teil von seinen ausgedehnten Reisen mitbrachte. Wenn man sicherstellen will, dass die Zahl der Erinnerungsstücke in allen Ecken und Winkeln des Hauses nicht nach und nach schwindet, wird man entsprechende Vorkehrungen treffen müssen. Auch die Finanzierung des künftigen Ausstellungsbetriebes ist noch unsicher und die Jünger-Stiftung für jede Spende dankbar.

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