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Ernst Jüngers Haus : Die Ordnung der Dinge

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Fünf Jahre nach diesen Aufzeichnungen kommt Jünger nach Wilflingen. Die Wohnung in Ravensburg war ihm zu eng geworden, obwohl er sich von einem Teil seiner Bücher getrennt hatte. Franz Schenk von Stauffenberg, Reichsfreiherr und Verwandter des Hitler-Attentäters, bietet dem Ehepaar Jünger zunächst ein großzügiges Quartier im Schloss an, bevor 1951 der Umzug in die gegenüberliegende Oberförsterei erfolgte. Obwohl sich Ehefrau Gretha, wie Jüngers Biograph Helmuth Kiesel berichtet, in einem Brief an Carl Schmitt erleichtert zeigte, dem bedrückenden Reichtum im Schloss entkommen zu sein, war man keineswegs in kärgliche Verhältnisse geraten. Das 1728 errichtete Gebäude verfügt über elf Zimmer und einen Garten, in dem Jünger mit Hingabe säte und erntete.

In den „Kaukasischen Aufzeichnungen“ von 1943 wird das Haus als „Kleid“ definiert, als „ein erweitertes Wesen, das wir um uns herumordnen“. In Wilflingen hat Jünger das ihm gemäße Gewand gefunden und wird nach drei Jahrzehnten in der Oberförsterei zufrieden konstatieren: „Eine Wohnung mit alten Möbeln, Büchern und Bildern hat neben ihrem Kunstwert eine Aura, die auch bei geschlossenen Augen zu spüren ist, ja gerade dann. Die Aura haftet besonders an organischen Stoffen: Holz, Leder, Pergament, Wachs, Wolle, Leinen, Seide; sie schaffen die Stimmung, zu der Stein und Metall nur den Akzent setzen.“

„Klapperschlangen-Schwanz in Plastikdose“

Und so herrscht an organischen Stoffen durchaus kein Mangel. Im Gegenteil, es geht zu wie in einem fürstlichen Naturalienkabinett der frühen Neuzeit. Das Jünger-Haus ist Bibliothek, Archiv, Kunst- und Raritätenkammer und Dichtergedenkstätte zugleich. Bedeutungsvoll knarren die Stufen unter den Füßen, die Hand gleitet über das dunkle, bald dreihundert Jahre alte Holz des Türrahmens, im oberen Flur fällt der Blick zuerst auf die präparierten Echsen und das andere exotische Getier, das neben dem Eingang zur Bibliothek hängt. Hier befinden sich die Repräsentationsräume: Bücher, Bilder, Memorabilien.

Wie Goethe vermochte Jünger sich von jedem Naturphänomen zu einem Gedanken anregen zu lassen, der nicht immer wissenschaftlich korrekt sein musste, aber doch meistens eine schöne Formulierung abwarf. Die Vorliebe galt dem Überzeitlichen. Gerne wurde in Äonen gedacht, weshalb Versteinerungen von Pflanze und Tier zur Hand sein sollten. Neben dem Wal, der aus dem siebzigtausend Jahre alten Eckzahn eines Höhlenbären geschnitzt wurde, Fundort Fischbacher Alpen, finden sich diverse Arbeiten aus Elfenbein, ein Haigebiss, eine Seespinne und eine Sägefischsäge ohne Sägefisch. Aber auch banale Gegenstände des Alltagslebens haben ihren Platz: ein Kopftragekorb aus Angola, ein goldenes Lineal mit der Signatur Friedrich Sieburgs, Pfeil und Bogen eines afrikanischen Knaben. Im Schrank im Schlafzimmer hängt neben zwei himmelblauen Seidenroben, der Tracht der spanischen Ehrendoktoren der Universitäten von Madrid und Salamanca, das Gewand eines Ehrenhäuptlings vom Stamme der Vai in Liberia. Die Inventarliste verzeichnet auch einen „Klapperschlangen-Schwanz in Plastikdose“, der im Umzugstrubel indes gerade nicht aufzufinden ist.

„Überall dort, wo altes und ältestes Gesetz, wo reine Erdkraft waltet, im Mythos und in den frühen Kulten, wird man auf Ehrfurcht vor der Schlange, wenn nicht auf Verehrung stoßen; und ebensowenig wird man eine Ordnung finden, in der sie fehlt. Keine Höhe ist ohne Tiefe denkbar; die Schlange gehört zum Kreuz.“ So steht es in Jüngers „Fassungen“. Aber ob hier wirklich die Klapperschlange gemeint sein kann?

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