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Erinnerung an Enzensberger : Zum Staunen bestellt

  • -Aktualisiert am

Ungeduld als Triebfeder des Schreibenden: Hans Magnus Enzensberger, im November 1989. Bild: Barbara Klemm

„Fürs Erzählen war ich immer zu ungeduldig“: Eine Erinnerung an einen Münchner Abend mit dem verstorbenen Schriftsteller und erstaunlichen Antwortsucher Hans Magnus Enzensberger.

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          Er saß am Tisch, nach einer Lesung. Wenige Jahre ist das her. München. Ein asiatisches Restaurant. Draußen liefen die Menschen ihren Schatten nach. Links und rechts wurde aneinander vorbeigeredet. Aber er schaute erwartungsvoll auf die Papierservietten vor ihm. Heimlich hatte er sie den Dampfplauderern unter den Ellenbogen weggezogen, sie vor sich auf einen kleinen Haufen gelegt und hier und da eine Ecke gefaltet. Ein durchdringender Blick. Den Phänomenen zugewandt. Gar nicht melancholisch.

          Na, so was!

          Ein paar Minuten schien er das Material des Papiers zu untersuchen, fühlte an den Rändern entlang, prüfte den Stoff auf Neuigkeiten. Dann, plötzlich, ein Ausruf: „Na, so was!“ Irgendetwas hatte ihn erstaunt. Das oft beschriebene verschmitzte Lächeln bestimmte jetzt seine Züge. Kein intellektueller Ausdruck. Nichts schien für ihn abgeschlossen. Er interessierte sich für die Fragen und suchte immer nach noch besseren Antworten. Gründete und begründete in einem Tempo, das ganze Generationen überholte. Einer, dem sein eigener Geist davonlief, so kam es einem manchmal vor.

          Die Menschenwürde ist antastbar

          Aber jetzt, hier, an diesem Abend, nur eine leise Anekdote: Wie er sich vor Kurzem am Flughafen geweigert habe, sich an der Sicherheitsschranke durchleuchten zu lassen, wie er nach einigem Hin und Her einfach neben der Scan-Kabine vorbeigelaufen, vom Sicherheitspersonal aufgehalten, durchsucht und ausgeschimpft worden sei und dabei immer wieder gebrüllt hätte: „Die Menschenwürde ist antastbar.“ „Die Menschenwürde ist antastbar.“ Ein kurzer kecker Seitenblick. Ob man die metaphorische Tragweite des Vorfalls auch wirklich verstanden habe. Dann schnell zurück zu den Servietten. Aber nun eine Störung von gegenüber: Irgendeiner auf der anderen Seite des Tisches wollte etwas zu Bachmann wissen, wie es mit ihr gewesen sei, damals auf dem Balkon. Jetzt wurden seine Augen ganz klein: „Sehr schön.“ Mehr kam nicht. Mehr musste nicht kommen. Zahlenteufelsmagie.

          Die Leute plauderten schnell weiter, links und rechts wurden Nachspeisen aufgetragen und noch ein Bier bestellt. Später sagte er noch, ganz ohne Bedauern: „Fürs Erzählen war ich immer zu ungeduldig.“ Als ob in diesem Satz nicht ein ganzes Bekenntnis steckte, seine ganze Art und Weise – die Ungeduld als Triebfeder des Schreibenden. Zu viel zu sehen, zu viel zu meinen, zu viel festzuhalten, von dem, was ihn umgibt. Es gab einmal einen Kaiser, den nannten sie schon als Jüngling stupor mundi, „das Staunen der Welt“. Von einem Kaiser hatte Enzensberger nichts. Aber vom Erstaunlichen alles.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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