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Erika Mann in Amerika : Hier führte sie das Wort

  • -Aktualisiert am

Erika Mann in Pacific Palisades Bild: Thomas Mann Archiv/ETH Zürich

In der Familie Thomas Manns war sie die treibende Kraft, wenn es um existentielle Fragen des Exils ging. Vor der Rückkehr nach Europa dirigierte seine Tochter Erika Mann von Pacific Palisades aus die Außenwirkung der Familie. Ein Gastbeitrag.

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          Der Blick aus Erika Manns ehemaligem Zimmer im Haus ihrer Eltern in Pacific Palisades schweift heute nicht mehr über Zitrusfelder. Er macht halt an üppigen Hecken entlang der Nachbargrundstücke im eleganten Riviera-Viertel nördlich von Los Angeles. Als sich Erika Mann 1948 hier fest niederließ, lag ihre Hommage an die französische Riviera fast zwanzig Jahre zurück, und Europa war ein feindlicher ferner Kontinent geworden. 1952 hatte sich auch ihr kalifornisches Refugium in eine Sackgasse verwandelt. „Bleiben oder gehen?“, diese Frage beschäftigte sie in den vier Jahren ihres Zwischenexils in Pacific Palisades beständig.

          Heute ist das Haus ein Ort der Forschung über transatlantische Beziehungen. In den Vierzigern waren dort Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler zu Gast, die vor dem Nationalsozialismus flüchten mussten. Sie bildeten einen illustren Kreis um ihren Doyen, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Die heutige Bezeichnung als „Thomas Mann House“ schließt an diesen Mythos an.

          Kritische Haltung gegenüber Nachkriegsdeutschland

          „Könnte das Haus nicht genauso gut oder sogar besser ,Katia und Erika Mann House‘ heißen, besonders wenn wir einen politischen Auftrag mit ihm verbinden?“, fragten Ulrich Raulff und Ellen Strittmatter zu Recht in einem Gespräch mit deren Enkel und Großneffe Frido Mann. Dessen Antwort ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „In Pacific Palisades führte wohl Erika das Wort.“ Tatsächlich war sie die treibende Kraft, wenn es um existentielle Fragen des Exils ging. In den Phasen des Zögerns, Rückblickens und Verharrens rief Erika Mann in politischer Voraussicht zum Aufbruch. 1933 veranlasste sie die Eltern, nicht mehr aus der Schweiz nach Deutschland zurückzukehren. Sie rettete Teile von Thomas Manns Manuskripten über die Grenze und bewog ihn, öffentlich Stellung gegen das nationalsozialistische Deutschland zu beziehen.

          Bei Kriegsausbruch 1939 beschaffte sie für ihre Eltern, die sich in Stockholm aufhielten, Flüge über Amsterdam nach London und Tickets für einen der raren Transatlantik-Liner nach New York. Und schließlich war Erika Mann Grund und Auslöser für die dritte Emigration der Manns: aus dem kalifornischen Domizil zurück nach Europa. Dass die Eltern den Zirkel ihres langen Exils nicht in Deutschland beschlossen, sondern in die Schweiz zurückkehrten, ist ebenfalls auf die kritische Haltung der Tochter gegenüber Nachkriegsdeutschland zurückzuführen.

          Stilisierung mit Bubikopf und Zigarette als Prototyp der „Neuen Frau“

          Wie kam es, dass Erika Mann an den wichtigsten Schaltstellen des mehrfachen Exils zur Hauptakteurin der Familie wurde und jeweils das Signal zum Fortgehen gab? Eine innerfamiliäre Arbeitsteilung ist hier aufschlussreich. So war es die Rolle der ältesten Tochter, die Welt zu erkunden, von ihr zu berichten und sich eine Meinung zu bilden. Katia Mann hingegen war für die psychische Stabilisierung Thomas Manns und das Aufrechterhalten des Status quo im Hausstand zuständig – beides Voraussetzungen für dessen schriftstellerische Produktivität. So arrangierte Katia Mann, dass das gewohnte Mobiliar aus München in die Schweiz, dann nach Princeton und schließlich nach Pacific Palisades mitgeführt wurde, wo es in eklatantem Gegensatz zur lichten Transparenz des modernen Gebäudes stand.

          Im eigens für den Schriftsteller vom Rest des Hauses abgeschotteten Trakt und im „Living Room“ sorgten die Möbel für „deutsche Gemütlichkeit“. Mit dieser Ausstattung schuf Katia Mann das raumzeitliche Paradox eines mobilen Elfenbeinturms, in dem innen Vergangenes errettet schien und an dem außen die Gegenwart abprallte. Diese Tendenz, der erzwungenen Bewegung der Emigration eine beharrliche Statik des Alltags entgegenzusetzen, unterschied sich grundsätzlich von der Haltung ihrer ältesten Tochter.

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