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Eric Carle gestorben : Der Vater der Raupe Nimmersatt

Ein getupfter Esel aus Eric Carles Spätwerk „Der Künstler und das blaue Pferd“ Bild: Gerstenberg Verlag

Ein blaues Pferd, warum denn nicht? Er setzte der tristen Kunstauffassung des Nationalsozialismus seine Collagen entgegen: Zum Tod des weltweit beliebten Kinderbuchkünstlers Eric Carle.

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          Den Tag, der ihn zum Künstler machte, beschrieb Eric Carle aus der Rückschau vieler Jahrzehnte so: Mitten im Zweiten Weltkrieg lud sein Kunstlehrer, ein Herr Krauss, den zwölf- oder dreizehnjährigen Schüler zu sich nach Hause ein. Er schätze „die Unbefangenheit und Skizzenhaftigkeit meiner Arbeiten“, sagte der Lehrer, und dass er die Verpflichtung bedauere, „uns Naturalismus und Realismus zu lehren und Tendenzen, wie sie in meinen Zeichnungen sichtbar werden, zu kritisieren.“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dann folgte das Erweckungserlebnis. Herr Krauss zog aus einem Versteck eine Schachtel hervor, darin Reproduktionen von Künstlern, die offiziell als „entartet“ gelten wie Picasso, Klee oder Braque. Die Worte des Lehrers, der sich seines Schülers schon sehr sicher sein musste, um ein derartiges Risiko einzugehen, sollte Carle bis ins hohe Alter nicht mehr vergessen: „Sieh doch das Unbefangene, das Großzügige dieser Bilder und – hach! – die Schönheit! Die Nazis haben keine Ahnung, was Kunst ist, diese Scharlatane!“

          Wenig später wurde Carle kriegsbedingt evakuiert, noch später wird er unter Tieffliegerbeschuss an den „Westwall“ evakuiert, schließlich soll er mit der Panzerfaust Stuttgart gegen die Alliierten verteidigen, was seine Mutter gottseidank zu verhindern weiß. Der Vater ist bei Kriegsende vermisst. Sehr viel für einen knapp Sechzehnjährigen. Aber die Lektion des Kunstlehrers trug Früchte, am Schönsten vielleicht in dem Band „Der Künstler und das blaue Pferd“ von 2011, in dessen Nachwort sich Carle dankbar an Herrn Krauss erinnert: „Mein grüner Löwe, der bunt getupfte Esel und die anderen Tiere, die ich in den ,verkehrten‘ Farben gemalt habe, sind eigentlich an jenem Tag vor siebzig Jahren entstanden.“

          Auch ein Krokodil erschient in Carles Band „Der Künstler und das blaue Pferd“ Bilderstrecke
          Eric Carles Bilderwelt : Tiere in verkehrten Farben

          Dass es überhaupt dazu kam, ist einer Reihe von biographischen Zufällen geschuldet. Carles Vater, geboren als Sohn eines Stuttgarter Zollbeamten, wollte eigentlich Künstler werde, was sein Vater durchkreuzte, und verließ schließlich Europa mit dem Ziel Amerika, wo er sich als Lackierer von Waschmaschinen durchschlug. Seine Liebste folgte ihm nach Syracuse im Staat New York, wo das Paar 1928 heiratete. Ein Jahr später kam Eric Carle zur Welt. Euphorische Berichte der in Deutschland gebliebenen Verwandten über die Lage in der alten Heimat führten dazu, dass die Carles 1935 wieder nach Stuttgart zogen.

          Dass Eric künstlerisches Talent besaß, war schon vorher, in der nur kurz besuchten amerikanischen Grundschule, festgestellt worden. Der junge Mann, der die deutsche Schule aus guten Gründen gehasst hatte, studierte seit 1946 in Stuttgart an der Akademie für bildende Künste und ging 1952 zurück in die Vereinigten Staaten, um als Grafiker bei der New York Times zu arbeiten – den Posten bekam er auf Vermittlung des großen amerikanischen Illustrators Leo Leonni, dessen Kinderbuchklassiker „Frederic“ 1967 erschien.

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