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Turgenjews 200. Geburtstag : Er entjungferte die russische Natur

Statue Turgenjews in Baden-Baden Bild: dpa

Doch er berauschte sich nie an seinen Ideen: Russische Gegenwartsautoren würdigen Iwan Turgenjew, der der Prosa eine weibliche Stimme verlieh und die Landschaftsschilderung im 3-D-Format erfand.

          Für Iwan Turgenjew könnten sich ihre Landsleute heute nicht besonders begeistern, versichert die russische Journalistin und Aktivistin für Häftlingsrechte Olga Romanowa, die nach Berlin floh, um der eigenen Verhaftung zu entgehen. Denn der Prosa Turgenjews, dieses vielleicht westlichsten Klassikers der russischen Wortkunst, der große Teile seines Lebens in Westeuropa verbrachte, mangele die Zuchthauserfahrung, die für die Kultur ihres Landes so wichtig sei und von der die Werke Dostojewskis, aber auch Tolstois erfüllt seien und die selbst Tschechow in seinen Aufzeichnungen von der Sträflingsinsel Sachalin verarbeitete. Das strenge Urteil der Literaturliebhaberin Romanowa ist charakteristisch für die Probleme, die die politisch engagierte Intelligenzia mit diesem Meister der poetischen Natur- und Personenschilderung zweihundert Jahre nach dessen Geburt noch hat.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat Turgenjew, der sich später in Baden-Baden ein Haus baute und mit seinen Büchern gut verdiente, selbst einen Monat im Gefängnis zubringen müssen. Das war der Preis für seinen ersten großen literarischen Erfolg, die 1852 erschienenen „Aufzeichnungen eines Jägers“, in denen dieser Flaneur durch die mittelrussischen Adelsgüter voll Sympathie leibeigene Bauern porträtierte, die von ihrer tyrannischen Herrschaft aus einer Laune umgesiedelt, unter die Soldaten oder alle naselang in einen anderen Beruf gesteckt wurden.

          Der liberale Turgenjew, der als Großgrundbesitzer seinen eigenen Bauern einen Teil des Frondienstes erließ, schilderte, wie Gutsnachbarn einander mit Hilfe bestochener Gerichtsdiener bekriegten; aber auch, wie westlich effiziente Managementmethoden dazu führten, die Landbevölkerung noch effizienter auszupressen. Zar Nikolai I. ließ den Zensor, der die „Aufzeichnungen“ durchgelassen hatte, feuern und ihren Autor einsperren. Als Zelle diente freilich ein Petersburger Polizeiarchiv, wo der prominente Häftling seine berühmte Erzählung „Mumu“ über einen taubstummen Leibeigenen verfasste, den seine dümmlich erbarmungslose Herrin zwingt, seinen geliebten Hund zu töten. Die Geschichte gehört bis heute an russischen Schulen zur Pflichtlektüre.

          Schöpfer eines eigenen Frauentyps

          Der konzeptualistische Prosaautor Vladimir Sorokin, der in seinen Werken auch Turgenjews kunstvolle Bukolik parodiert hat, sieht sich in der Schuld des großen Vorgängers. Sorokin bewundert insbesondere die „Aufzeichnungen“, in denen man erlebt, wie Hunde künstlich lächeln, ungeschlachte Kerle zauberhaft singen, Bäume unter der menschlichen Axt sterben. Was bis dahin nur die Poesie vermocht habe, nämlich Landschaften im 3-D-Format erfahrbar zu machen, das sei Turgenjew hier erstmals in Prosaform gelungen, urteilt Sorokin. Wie die Sprache dieses Autors Russland gleichsam ausgezogen, in armen Leibeigenen und verbitterten Einzelgängern deren Innerstes und unerwartete Schönheiten aufgedeckt habe, darin liege eine eigentümliche Erotik, findet Sorokin, weshalb er Turgenjew den Titel des literarischen Entjungferers der russischen Natur zuerkennt.

          Turgenjew war ein schöner, großgewachsener Mann, wozu sein feminines, furchtsames Naturell in markantem Gegensatz stand. Französische Schriftstellerfreunde nannten ihn den „sanften Riesen“. Er litt unter seiner tyrannischen Mutter, die ihn als Kind oft schlug und von seiner Schriftstellerei ebenso wenig hielt wie von seiner Verbindung zu der französischen Sängerin Pauline Viardot, an der er nach eigenen Worten mit „hündischer“ Ergebenheit hing. Viardot, die mit ihrem Gatten und Turgenjew zeitweise in einer Ménage à trois zusammenlebte und auch dessen Tochter von einer leibeigenen Bediensteten seiner Mutter großzog, war die Muse, die er zum Schaffen brauchte: gebildet, fordernd, verheiratet und in jeder Hinsicht unabhängig. Als Edmond de Goncourt und Gustave Flaubert ihm gegenüber die Wichtigkeit der Liebe für Gebildete bestritten, protestierte er mit den Worten, allein dieses Gefühl bewirke eine gewisse Entfaltung des Menschen und sein Leben sei vom Weiblichen getränkt. In seinem Werk schuf er einen eigenen Frauentyp, den die Literaturwissenschaft „Turgenjew-Mädchen“ getauft hat – oft schüchterne, dabei innerlich starke, idealistische Figuren, die lieben und dabei Teil von etwas Großem werden wollen, allerdings niemals heiraten und familiäre Verantwortung übernehmen. Viele wirken wie geheime Selbstporträts des Autors.

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