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Emma Beckers Roman „La Maison“ : „Frau zu sein, hat mit Fiktion zu tun“

„La Maison“ ist der dritte Roman von Emma Becker. Bild: Franck Ferville / Agence VU

Eine Französin zieht von Paris nach Berlin. Sie will ein Buch über Frauen, Sex und Weiblichkeit schreiben. Zwei Jahre arbeitet sie in einem Bordell. Ein Gespräch mit der Autorin Emma Becker über „La Maison“.

          6 Min.

          Madame Becker, mit wie vielen Männern mussten Sie schlafen, um Ihren Roman „La Maison“ schreiben zu können?

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich habe immer mit Männern geschlafen, um meine Bücher zu schreiben. Aber bei „La Maison“, ich weiß nicht.

          Ihre Protagonistin heißt Emma, wie Sie. Ist Schriftstellerin, wie Sie. Sie arbeitet im Bordell, um ein Buch darüber zu schreiben, wie Sie es getan haben. Was hat das zu bedeuten?

          Ich wollte mir keinen anderen Namen ausdenken. Ich habe mich überhaupt nicht geschämt. Emma ist in „La Maison“ natürlich nur eine Figur. Und der Roman ist ein Spiegelspiel zwischen der Fiktion von der Arbeit einer „Hure“, wie ich ausdrücklich sage, und der Fiktionalisierung, die wir als Frauen im Alltag erleben. Und noch mehr Verfremdungen brauchte man nicht.

          Was heißt im Alltag der Frauen?

          Frau zu sein, hat was mit Fiktion zu tun: Wenn man Highheels trägt, wenn man sich schminkt, wenn man sich stundenlang die Haare macht – wenn das nicht Theater ist, was dann?

          Wie trennen Sie Leben und Schreiben? Und was heißt Literatur für Sie?

          Ich schreibe Autofiktion. Darin kann ich die Hauptfigur sein, aber es bedeutet nicht, dass meine Hauptfigur ich bin. Der Unterschied ist sehr subtil. Ein Schriftsteller nimmt die Leute aus seinem Leben und macht sie zu Buchfiguren. Es ist ein Spüren und Erinnern, deshalb kann es keine Genauigkeit geben. So ist es nicht die Wirklichkeit, sondern ein Gemälde einer Wirklichkeit.

          Sie leben seit sieben Jahren in Deutschland. Kennen Sie deutsche Literatur?

          Ein bisschen. Aber ich habe erst vor ein paar Monaten angefangen, auf Deutsch zu lesen.

          Würden Sie auf einer Dinnerparty lieber neben Michel Houellebecq oder Peter Handke sitzen?

          Houellebecq! Erstens: Ich habe nie Handke gelesen. Und zweitens: Houellebecq ist mehr mein Ding, glaube ich. Wir sind im selben Verlag und alle erzählen, dass er supergeistreich sein soll.

          In „La Maison“ kommen ständig französische Schriftsteller vor. Ist es nur Namedropping?

          Nein. Sie sind für mich wie Kuscheltiere. Ich versuche zu erzählen, was für Schriftsteller mich in meinem Alltag begleiten. Und gerade bei diesem Thema hatte ich die ganze Literatur im Kopf, die wir Franzosen gelesen haben – Maupassant bis Zola –, wo so viele Huren als Heldinnen beschrieben werden und die Macht haben über die Männer.

          Und haben sie auch in der Realität die Macht über Männer?

          Nicht in allen Häusern. Und wahrscheinlich nicht auf der Straße. Aber in dem Haus, in dem ich gearbeitet habe, war es so. Alles war so organisiert, dass die Männer das Gefühl hatten, bei uns zu Gast zu sein. Und ich habe gemerkt: Je mehr Geld der Typ ausgibt, desto schüchterner und aufmerksamer ist er. Das war für mich ein Schock. Denn als Französin habe ich gelernt, dass Huren – bei uns gehört Prostitution zwar zur Kultur, doch in der Realität ist sie so gut wie verboten – keine Entscheidungen treffen können, dass sie nur auf einer Matratze liegen.

          Im Roman geht es um zwei Bordelle. Das eine ist die Hölle, das andere, das „La Maison“, das Paradies. Haben Sie das konstruiert, um die Geschichte besser erzählen zu können?

          „La Maison“ klingt wie ein Paradies, weil ich zuerst im anderen Laden war. Als ich im ersten Bordell angefangen habe, dachte ich: Vielleicht ist doch alles wahr, was man über Prostitution sagt. Das Ziel war es aber nicht, „La Maison“ wie das Paradies zu beschreiben. Denn das war es nicht...

          ...weil es da auch Gewalt gab, das steht im Roman. Sind Sie selbst während der Arbeit geschlagen worden?

          Ja. Aber Gewalt war davor nie da gewesen, deshalb war ich so erstaunt, als mich ein Freier geschlagen hat. Es kam nur einmal vor. Aber natürlich gab es Männer, die meine Grenzen testen wollten, wie im normalen Leben auch.

          Was heißt „Nein“? Im Bordell? Im Leben?

          Ich habe das Gefühl, dass mein „Nein“ im Bordell viel mehr Kraft hatte, besser verstanden wurde. Denn es war ja eine Dienstleistung. Im normalen Leben ist es mir oft passiert, dass ich „Nein“ sagte und es wiederholen musste und wiederholen. Ich denke, dass wir von Huren vieles, was Zustimmung angeht, lernen können.

          Wer? Die Frauen? Die Männer?

          Die Gesellschaft. Es gibt Leute, die sagen, Sexarbeit ist bezahlte Vergewaltigung. Das bedeutet aber, dass Frauen, die es freiwillig machen und in ihrem Job auch Gewalt erleben, überhaupt keine Stimme mehr haben. Eine Hure kann aber genauso ihre Zustimmung geben wie jede andere Frau auch.

          Sind Sie Feministin?

          Ja, eine strenge. Aber mein Feminismus ist für alle. In Frankreich sagten mir Feministinnen, dass Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten, vom Patriarchat gehirngewaschen worden sind. Solche Feministinnen machen die gleiche Arbeit wie das Patriarchat: Sie machen andere Frauen mundtot. Wenn man mein Buch liest, merkt man, dass ich kein Idealporträt der Prostitution zeichne. Ich beschreibe nur einen Ort, wo Frauen menschlich und mehr noch fast wie Künstlerinnen behandelt wurden. Es zeigt, dass es auch so laufen kann.

          Schreiben Sie, um die Welt zu verändern, um zu erzählen oder um Geld zu verdienen?

          Ich schreibe nicht wirklich für ein Publikum. Mehr für mich, um was lebendig zu erhalten. Ich tröste mich selbst, wenn ich schreibe. Es ist ein bisschen wie kuscheln. Auch wenn ich nicht Schriftstellerin wäre, würde ich immer schreiben.

          Und muss ein guter Schriftsteller bereit sein, seine größten Geheimnisse und die seiner Lieben zu verraten?

          Es kommt darauf an, was man erzählen will. Ich schreibe immer über mich selbst. Und ich glaube, wenn ich mich gut beschreibe, gibt es vielleicht jemanden auf diesem Planeten, der dann denkt: Ja, ich bin nicht der einzige, der so ist. Für mich war das immer das Ziel: Dass man sich weniger einsam fühlt, wenn man schreibt oder liest. Und wenn ich mich gut beschreiben will, muss ich natürlich auch von Geheimnissen erzählen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich mich selbst oder meine Familie in meinen Romanen verrate.

          Was haben Sie mit dem Geld gemacht, das Sie im Bordell verdient haben?

          Es war nicht so viel, waren jetzt keine 10000 Euro im Monat. Ich habe einfach meine Miete bezahlt und Essen gekauft. Ich hätte sowieso arbeiten müssen, ich musste leben, ich musste schreiben.

          Also war Sex, war das Bordell auch eine finanzielle Lösung?

          Ja. Ich habe immer eine gute Beziehung zu Sex und Lust gehabt. Natürlich eine, die nicht unproblematisch ist. Aber für Sex bezahlt zu werden, war nichts Blasphemisches für mich. Ich hatte mit vielen Männern geschlafen und nie Geld dafür bekommen. Ehrlich gesagt: Ich finde, dass viele Männer sich sowieso wie Kunden benehmen. Aber im Bordell ist am Ende niemand sauer, weil jemand nicht mehr angerufen hat.

          Und Sie hatten keine Angst vor dieser Arbeit?

          Nein. Ich bin ja auch ein Produkt dieser Gesellschaft. Es ist nicht verwunderlich, dass ich als Frau Interesse für diesen Beruf habe, wenn die Frauen ständig sexualisiert werden, ständig begehrenswert sein müssen und schön.

          Sie selbst hatten keine Skrupel, Emma im Roman schon. Erschrocken denkt sie einmal: „Das ist das einzige, was man in deinem Lebenslauf lesen wird“.

          Ja, genau, und gleichzeitig dachte ich mir: Ich bin Schriftstellerin, und es ist egal, was in meinem Lebenslauf steht. Es ist nicht so, dass ich mich fürs Publikum opfere oder für die Literatur. Es ist einfach faszinierend für mich, mein eigenes Versuchskaninchen zu sein. Und die Arbeit im Bordell war ein Experiment mit mir selbst, ein Labor, in dem man die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sehr genau beobachten konnte.

          Haben Sie Ihre Freier gehasst, oder hatten Sie Mitleid mit ihnen?

          Manchmal Mitleid. Manchmal auch Hass. Es kann eine Kleinigkeit sein, die Hass auslöst. Aber genauso ist es auch im Café, in dem ich jetzt arbeite. Im Puff hatten die Leute mehr Respekt vor meiner Zeit und meiner Leistung.

          Und hatten Freier Mitleid mit Ihnen?

          Komischerweise nur die Franzosen, die sagten immer: Du bist so klug, warum machst du so etwas für Geld? Die Deutschen waren viel lockerer. Das ist eine gute Sache an deutschen Männern: Sie sind im Puff viel bessere Kunden. Sie wissen, dass die Frau vor ihnen arbeitet.

          Im Roman geht es nicht nur ums Bordell, sondern auch um Berlin. Warum schreiben Sie so zärtlich über diese schreckliche Stadt?

          Na ja, meine Meinung hat sich ein bisschen verändert seitdem. Ich mag die Stadt, aber die Berliner, oh mein Gott! Dass diese Berliner Schnauze zu einem art de vivre geworden ist, verstehe ich nicht. Es heißt immer, die Pariser sind schlimm, aber im Vergleich zum durchschnittlichen Berliner: Nein! Ich habe mich noch nie so viel mit Leuten auf der Straße gestritten wie hier.

          Wenn Sie auf der Straße auf Deutsch streiten können, dann sind Sie jetzt gut integriert. Im Roman versteht Emma anfangs nur die Hälfte der Gespräche mit ihren Freiern.

          Für mich war genau das am Anfang ganz gut, denn dadurch konnten sich nicht so viele Gefühle in die Arbeit einmischen. Aber wenn du diesen Beruf machst, in so einem Haus, musst du unbedingt ein bisschen Deutsch sprechen.

          Und?

          Ich habe blitzschnell Deutsch gelernt. Es war wie in einen Pool zu springen, ohne schwimmen zu können. Wenn ich mir meine Freunde anschaue, die seit zehn Jahren in Berlin leben und kein Deutsch können, hatte ich Glück.

          Glauben Sie Ausländerinnen, die im Bordell arbeiten, haben es leichter, sich hier zu integrieren?

          Ich glaube, es gibt in diesem Beruf eine Solidarität, die stärker ist als in anderen Berufen. Vielleicht sage ich das nur, weil ich nie Lust hatte, Teil einer Mannschaft zu sein. Außer von dieser Mannschaft.

          Und sagte man in dieser Mannschaft auch das Wort „Sexarbeiterin“?

          Damals habe ich immer „Hure“ gesagt, und ich benutze das Wort immer noch. Aber es muss auch ein höfliches Wort geben, und „Sexarbeiterin“ finde ich viel besser als „Prostituierte“.

          Warum?

          „Prostituierte“ ist schon grammatikalisch passiv. Obwohl es ein Beruf ist, für den man viele Kompetenzen haben muss. Eine Dienstleistung. Man muss möglichst höflich sein, lächeln, die Wünsche der Kunden respektieren. „Sexarbeiterin“ klingt nach Arbeit, danach, dass man sich Mühe gibt und Respekt verdient.

          Was ist Sexarbeit im Zeitalter von Identitätspolitik? Weibliches Empowerment? Oder immer noch das älteste Gewerbe der Welt?

          Ich habe es als Empowerment erlebt. Doch nicht immer. Wenn du einen schlechten Tag hast, dann ist es Sklaverei. Aber so ist es in jedem anderen Job auch. Ich will nichts verallgemeinern. Natürlich kann man sich nicht empowered fühlen, wenn man für einen Zuhälter arbeitet. Aber wenn die Bedingungen gut sind, dann schon. Das habe ich bei meinen Kolleginnen gesehen. Manche waren alt, über 60, und hatten trotzdem viele Freier. Es ist toll zu wissen, dass ein Körper nicht wie einer auf den Magazinen sein muss, um begehrenswert zu sein.

          Wussten Ihre Eltern von Ihrer Recherche?

          Meiner Mutter hatte ich gesagt, dass ich in den Puff gehe, um mit Frauen zur reden. Doch sie wusste, dass es mehr war. Meinem Vater habe ich das Buch erst gegeben, als es fertig war. Ich glaube, er hat es nicht gelesen. Und das finde ich nicht so schön, denn es geht um die letzten fünf Jahre meines Lebens. Aber ich glaube auch, dass Väter und Töchter über körperliche Dinge oft nicht miteinander sprechen können.

          Welche Widmung haben Sie Ihren Eltern in das Buch geschrieben?

          Die Widmungen für meine Eltern sind immer die gleichen. Ich schreibe, dass ich sie liebe. Das fällt mir leichter, als es ihnen zu sagen.

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