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Emma Beckers Roman „La Maison“ : „Frau zu sein, hat mit Fiktion zu tun“

Ich habe das Gefühl, dass mein „Nein“ im Bordell viel mehr Kraft hatte, besser verstanden wurde. Denn es war ja eine Dienstleistung. Im normalen Leben ist es mir oft passiert, dass ich „Nein“ sagte und es wiederholen musste und wiederholen. Ich denke, dass wir von Huren vieles, was Zustimmung angeht, lernen können.

Wer? Die Frauen? Die Männer?

Die Gesellschaft. Es gibt Leute, die sagen, Sexarbeit ist bezahlte Vergewaltigung. Das bedeutet aber, dass Frauen, die es freiwillig machen und in ihrem Job auch Gewalt erleben, überhaupt keine Stimme mehr haben. Eine Hure kann aber genauso ihre Zustimmung geben wie jede andere Frau auch.

Sind Sie Feministin?

Ja, eine strenge. Aber mein Feminismus ist für alle. In Frankreich sagten mir Feministinnen, dass Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten, vom Patriarchat gehirngewaschen worden sind. Solche Feministinnen machen die gleiche Arbeit wie das Patriarchat: Sie machen andere Frauen mundtot. Wenn man mein Buch liest, merkt man, dass ich kein Idealporträt der Prostitution zeichne. Ich beschreibe nur einen Ort, wo Frauen menschlich und mehr noch fast wie Künstlerinnen behandelt wurden. Es zeigt, dass es auch so laufen kann.

Schreiben Sie, um die Welt zu verändern, um zu erzählen oder um Geld zu verdienen?

Ich schreibe nicht wirklich für ein Publikum. Mehr für mich, um was lebendig zu erhalten. Ich tröste mich selbst, wenn ich schreibe. Es ist ein bisschen wie kuscheln. Auch wenn ich nicht Schriftstellerin wäre, würde ich immer schreiben.

Und muss ein guter Schriftsteller bereit sein, seine größten Geheimnisse und die seiner Lieben zu verraten?

Es kommt darauf an, was man erzählen will. Ich schreibe immer über mich selbst. Und ich glaube, wenn ich mich gut beschreibe, gibt es vielleicht jemanden auf diesem Planeten, der dann denkt: Ja, ich bin nicht der einzige, der so ist. Für mich war das immer das Ziel: Dass man sich weniger einsam fühlt, wenn man schreibt oder liest. Und wenn ich mich gut beschreiben will, muss ich natürlich auch von Geheimnissen erzählen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich mich selbst oder meine Familie in meinen Romanen verrate.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht, das Sie im Bordell verdient haben?

Es war nicht so viel, waren jetzt keine 10000 Euro im Monat. Ich habe einfach meine Miete bezahlt und Essen gekauft. Ich hätte sowieso arbeiten müssen, ich musste leben, ich musste schreiben.

Also war Sex, war das Bordell auch eine finanzielle Lösung?

Ja. Ich habe immer eine gute Beziehung zu Sex und Lust gehabt. Natürlich eine, die nicht unproblematisch ist. Aber für Sex bezahlt zu werden, war nichts Blasphemisches für mich. Ich hatte mit vielen Männern geschlafen und nie Geld dafür bekommen. Ehrlich gesagt: Ich finde, dass viele Männer sich sowieso wie Kunden benehmen. Aber im Bordell ist am Ende niemand sauer, weil jemand nicht mehr angerufen hat.

Und Sie hatten keine Angst vor dieser Arbeit?

Nein. Ich bin ja auch ein Produkt dieser Gesellschaft. Es ist nicht verwunderlich, dass ich als Frau Interesse für diesen Beruf habe, wenn die Frauen ständig sexualisiert werden, ständig begehrenswert sein müssen und schön.

Sie selbst hatten keine Skrupel, Emma im Roman schon. Erschrocken denkt sie einmal: „Das ist das einzige, was man in deinem Lebenslauf lesen wird“.

Ja, genau, und gleichzeitig dachte ich mir: Ich bin Schriftstellerin, und es ist egal, was in meinem Lebenslauf steht. Es ist nicht so, dass ich mich fürs Publikum opfere oder für die Literatur. Es ist einfach faszinierend für mich, mein eigenes Versuchskaninchen zu sein. Und die Arbeit im Bordell war ein Experiment mit mir selbst, ein Labor, in dem man die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sehr genau beobachten konnte.

Haben Sie Ihre Freier gehasst, oder hatten Sie Mitleid mit ihnen?

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