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Autorin Elif Shafak : Das letzte Abendmahl des türkischen Großbürgertums

Jeder Journalist, Schriftsteller oder Dichter in der Türkei wisse, dass er wegen eines Essays, eines Interviews, eines Tweets oder eines Gedichts festgenommen, vor Gericht gestellt und in den regierungsfreundlichen Medien gelyncht werden könne. Woher die Angst der Politik vor dem geschriebenen Wort? „Die Sprache der Politik und die der Literatur sind sehr unterschiedlich“, sagt Elif Shafak, „Politiker brauchen immer ein ,Uns‘ gegen ein ,Sie‘. Für Schriftsteller gibt es nur Menschen. Gleiche. Politik fokussiert auf Unterteilungen, Literatur auf Einfühlung. Politik schätzt die Generalisierung, Literatur achtet auf Unterschiede. Sie sind also in ihrem Wesen sehr verschieden. Aber besonders autoritäre Politiker mögen keine Literatur. Das ist so, überall auf der Welt.“

Wer den Umgang der Politik mit gesellschaftlichen Stimmungen kritisiert, muss jedoch aufpassen, die Gefühle der Bürger nicht geringzuschätzen. Das gilt auch für Europa: „Die Ängste der Menschen sind real, und ich möchte sie nicht kleinreden. Es ist ein Fehler von Teilen der Linken, auf die Ängste der Menschen herabzuschauen. Ich verstehe, dass viele Menschen Bedenken angesichts von Flüchtlingen haben, sie haben Bedenken über die Zukunft oder die Globalisierung. Aber wir dürfen uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen.“ Und die Geschichte lehre, dass Gesellschaften große Fehler machten, wenn sie sich an ihren Ängsten orientieren.

„Ich habe mehr als ein Zuhause“

„Wenn ich dich anschaue“, muss sich Peri von ihrem ersten Freund am Ende der Schulzeit in Istanbul sagen lassen, „sehe ich schon die typisch orientalische Intellektuelle, die du später mal sein wirst – verliebt in Europa, im Konflikt mit den eigenen Wurzeln.“ Anders Elif Shafak, die, wie sie sagt, seit Kindertagen eine Nomadin sei: „Ich habe viele Zugehörigkeiten. Ich bin Istanbulerin, ich bin Londonerin. Ich bin mit dem Balkan verbunden, mit dem Mittelmeer. In meinen Geschichten gibt es Elemente aus dem Nahen Osten, der Ägäis, der Levante. Ich bin Europäerin, weil ich europäische Ideale und Werte teile. Ich habe also mehr als ein Zuhause. Ich träume in mehr als einer Sprache.“

Warum Wurzeln im Verhältnis zu Blättern und Ästen mehr zählen sollen, will Peri in „Der Geruch des Paradieses“ nicht begreifen.

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