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Autorin Elif Shafak : Das letzte Abendmahl des türkischen Großbürgertums

Ein Nebeneinander von Szenen und Stimmen

Es ist der Blick als Frau, der Elif Shafaks politischer Haltung und Entschlossenheit zugrunde liegt. „Eines der wundervollen Dinge, die uns der Feminismus in der Vergangenheit gezeigt hat, ist, dass es in der Politik nicht nur um politische Parteien und Politiker geht. Politik ist in unseren Schlafzimmern. In unseren Küchen. Auf der Straße. In unserem Alltag und in den Geschichtsbüchern. Wo immer es Macht gibt, gibt es Politik. In diesem Sinn bin ich eine politische Autorin.“

So sehr die Lage in der Türkei, die Menschenrechtsverletzungen dort, die Verfolgung von Schriftstellern, Journalisten und Intellektuellen, dazu verleitet: Wer die Romane Elif Shafaks mit denselben Augen wie ihre Essays und Interviews als politische Stellungnahme liest, verpasst die Frechheit und den Witz, mit denen die Autorin erzählt, die fein beschriebenen Momente, in denen sich Befremdung und Befreiung ihrer Figuren die Waage halten, die gesellschaftsgeschichtlichen Panoramen, die sie etwa hinter ihrer Heldin Peri aufzieht: Der ältere Bruder wird in den achtziger Jahren als kommunistischer Student verhaftet und gefoltert, der jüngere setzt 2001 noch in der Hochzeitsnacht seine Ehe aufs Spiel, indem er die Jungfräulichkeit seiner Frau anzweifelt und auf einer ärztlichen Untersuchung besteht. Im Frühling 2016 stellt Peri fest, wie sich die türkische Gesellschaft polarisiert: „Man war entweder ,streng religiös‘ oder ,streng säkular‘, und diejenigen, die sich noch irgendwie in beiden Lagern gesehen und mit dem Allmächtigen ebenso leidenschaftlich auseinandergesetzt hatten wie mit der Gegenwart, waren entweder verschwunden oder auf gespenstische Weise verstummt.“ Anders auf dem Fest, zu dem sie derangiert und deutlich verspätet eintrifft: Als Gemälde hätte sie es „Das letzte Abendmahl des türkischen Großbürgertums“ genannt. Die elitäre Partygesellschaft diskutiert bei Wildreisrisotto und Lammbraten, ob die Demokratie nicht reine Zeit- und Geldverschwendung sei und gerade in der islamischen Welt völlig überflüssig. Es ist ein Nebeneinander von Szenen und Stimmen, in dem der Leser sich selbst zurechtfinden muss.

„Wenn ich ein Meinungsstück für eine Zeitung schreibe, sage ich klar und deutlich, was ich denke“, sagt Elif Shafak, „und doch bin ich ängstlich, weil es immer schwieriger geworden ist, offen über die Türkei zu schreiben. In dem Moment, wenn man etwas Kritisches sagt, kann man als Verräter bezeichnet werden. Aber wenn ich Romane schreibe, vergesse ich die wirkliche Welt. Ich bleibe in meiner Vorstellung. Deshalb fühle ich mich in meinen Romanen immer freier. Wenn ich einen Roman beendet habe und ihn meinem Verleger gebe, fange ich an, mir darüber Sorgen zu machen, wie ich angegriffen werden könnte. Aber dann ist es zu spät. Das Buch ist abgeschlossen. Es hat sein eigenes Leben. Ich respektiere das. Deshalb bin ich beim Schreiben eines Romans frei und mutig, und in meinem Alltag bin ich eine Memme.“

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