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Auf Hölderlins Lebensspuren : Das wächsern weiche Herz

Keine andere Gemeinde unternimmt im Hölderlinjahr größere Anstrengungen als Lauffen am Neckar: Die Eröffnung des Museums im ehemaligen Wohnhaus der Familie musste verschoben werden und ist nun für Anfang Juni geplant. Bild: dpa

Pindars Flug und Klopstocks Größe, gefangen im Kloster, entfesselt im Turm: Eine schwäbische Reise auf Hölderlins Lebensspuren nach Lauffen, Nürtingen, Maulbronn und Tübingen.

          7 Min.

          Was macht Hölderlin? Das fragt am 9. September 1812 ein Dichter einen anderen Dichter, heute vor 207 Jahren, sechs Monaten und elf Tagen. „Was macht Hölderlin? Schweben die dunkeln Gewölke noch immer um sein Haupt?“ So reden die deutschen Dichter, so fragt einer den anderen. Ängstlich, neugierig, in banger, wohl auch lüsterner Erwartung. „Unser vaterländischer Dichter Hölderlin wird Ihnen bekannt seyn? Er dichtet noch immer in seiner Zerrüttung, in seinem Wahnsinne, meistens unverständlich für andere.“ Justinus Kerner schreibt dies an Friedrich de la Motte Fouqué und fügt ein Gedicht Hölderlins hinzu. Er hatte es zusammen mit einem Brief erhalten, noch am selben Tag abgeschrieben und unverzüglich weiterverbreitet.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Was macht der im Tübinger Turm von der Außenwelt weitgehend abgeschottete Hölderlin? Er wird zum Gerücht. Wie ein Gerücht verbreitet er sich. Ohne eigenes Zutun. In Windeseile. In alle Richtungen des weiten, offenen Himmels: „Treu und freundlich, wie du, erzog der Götter und Menschen/ Keiner, o Vater Äther! mich auf“. Schweben die dunkeln Gewölke noch immer um sein Haupt?

          Was macht Hölderlin? Er dichtet. „Der arme Hölderlin will auch einen Almanach herausgeben und schreibt dafür täglich eine Menge Papiers voll.“ Eduard Mörike, der war, was Hölderlin nicht sein wollte und nicht sein konnte, ein schwäbischer Landpfarrer nämlich, wird Jahrzehnte später Manuskripte, Gedichte, Entwürfe Hölderlins in Nürtingen korbweise aus dem Haus der Schwester tragen und vernichten. Wusste Mörike, was er tat? Es ist zu befürchten. Denn Mörike tat, was alle taten und immer noch tun: Sie nehmen sich von Hölderlin, was ihnen passt. Nicht mehr, vorsichtshalber eher weniger. „Folgende Verse waren mir rührend: Das Angenehme dieser Welt hab’ ich genossen / Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, / April u. Mai u. Junius sind ferne; / Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne.“ So August Mayer in einem Brief an seinen Bruder Karl vom Januar 1811, der Hölderlins Verse umgehend an Justinus Kerner schickt, der sie an Friedrich de la Motte Fouqué weiterleitet. Hölderlin, der zu diesem Zeitpunkt erst vier von insgesamt 36 Jahren im Tübinger Turm hinter sich gebracht hat, ist „nichts mehr“. Was sein Elend immer noch ist: Gesprächsstoff.

          Ein Befehlsmühlstein hing um seinen Hals

          Kein anderer deutscher Dichter sollte im zwanzigsten Jahrhundert rücksichtsloser missbraucht werden als Hölderlin, aber schon seine Zeitgenossen leben in der Gewissheit, sein Schicksal nach eigenem Gutdünken für ihre Zwecke verwenden zu dürfen. Wilhelm Waiblinger in einem Brief vom Februar 1826: „Da der Unglückliche gleichsam jetzt schon todt ist, so würde auch das Zartgefühl und das Gebot der Schonung nichts gegen eine solche Darstellung seines Wahnsinns einwenden.“ Da hatte Hölderlin, der gleichsam Totgesagte, noch siebzehn Jahre zu leben.

          Der Mediziner Autenrieth entließ den Dichter nach fast achtmonatiger Behandlung als unheilbar krank und beschied seine Lebenserwartung auf höchstens drei Jahre. Ein halbes Jahrhundert lang hat Hölderlins Mutter sämtliche Ausgaben notiert, die sie für den Sohn aufwenden musste. Besucht hat sie den kranken Hölderlin, der auf mütterliches Geheiß fast vier Jahrzehnte im engen Tübinger Turmzimmer zubringen musste, in dieser Zeit wohl nicht ein einziges Mal. 116 Briefe Hölderlins aus dem Turm an die Mutter haben sich erhalten. Das sind etwa drei im Jahr. Viel ist das nicht. Ihre Briefe sind – mit einer einzigen Ausnahme – alle verloren. Ob der Sohn sie vernichtet hat? Hätte die Mutter dem Sohn das vom Vater ererbte Vermögen ausgehändigt anstatt es für ihn zu verwalten, er wäre finanziell unabhängig gewesen. Hölderlins Leben wäre zweifellos anders verlaufen: ohne die demütigende Hauslehrertätigkeit, allerdings wohl auch ohne die Begegnung mit Susette Gontard. Nicht erspart geblieben wäre ihm indes der mütterliche Wunsch, der ihm wie ein Befehlsmühlstein um den Hals hing: dass er werde, was er nicht sein wollte und nicht sein konnte, ein schwäbischer Landpfarrer. Nicht erspart geblieben wäre ihm: das Kloster Maulbronn.

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