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Auf Hölderlins Lebensspuren : Das wächsern weiche Herz

Die treibende Kräfte in Lauffen sind Eva Ehrenfeld, die Leiterin des Hölderlinhauses, und Bürgermeister Waldenberger, der sich augenzwinkernd als höheren Beamten mit bäuerlichem Hintergrund bezeichnet. Waldenberger ist ein lesender Vollzeit-Macher, kein Feierabend-Philologe. Er sitzt im Vorstand der deutschen Hölderlin-Gesellschaft, deren Geschäfte Eva Ehrenfeld führt, ist Mitbegründer des Lauffener Hölderlin-Freundeskreises und wurde 2016 als Parteiloser mit knapp 96 Prozent der abgegebenen Stimmen in seine dritte Amtszeit als Bürgermeister der Stadt gewählt. Jetzt steht er in dem Haus, das Hölderlins Großvater 1743 erwarb, und zeigt bedauernd auf die Wand, in die er eigentlich eine Fluchttür setzen lassen wollte, was ihm der Denkmalschutz aber untersagt hat, weil dieser Teil des Hauses noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammt. Sein Blick ignoriert die Bauarbeiter und Techniker um ihn herum, geht durch die Wand hindurch, überquert das Flüsschen Zaber, fliegt über Straßen, Streuobstwiesen, Industriegebiete und folgt dem Neckar. Bis nach Tübingen. Es wurmt Klaus-Peter Waldenberger, dass die Welt immer nur an den Turm denkt, wenn sie Hölderlin hört. Könnte die Welt nicht künftig auch ein bisschen öfter an Lauffen denken?

Die Kluft zwischen ihm und der ganzen Menschheit

Bei Thomas Schmidt, dem Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden- Württemberg, laufen die zahllosen Fäden im Hölderlinjahr zusammen. Mit der neuen Ausstellung im Turm setzt er einen Markstein. Sie ist umfassend, an den Texten wie an der Biographie orientiert, anschaulich und dabei in die Tiefe gehend, multimedial. Sie lässt die Quellen sprechen, ordnet sie ein, versucht den ganzen Hölderlin darzustellen und zumindest einige Aspekte seiner Rezeption anzusprechen. Eines ist sie nicht und will es auch nicht sein: auratisch.

Der Tübinger Turm ist 1875 abgebrannt, hat zahlreiche Aus- und Umbauten erlebt, wurde modernisiert. Im Lauffener Hölderlinhaus ist hingegen erstaunlich viel von der Originalsubstanz erhalten. Die Umbauten, die der Großvater um 1750 vornehmen ließ, sind gut nachvollziehbar, bis hin zu einem Originalfenster, der blaugrauen barocken Farbgebung an einigen Wandteilen sowie der über drei Stockwerke reichenden Treppenspindel aus einem Fichtenstamm. Der Tübinger Turm ist ein Symbol, das Lauffener Hölderlinhaus ist ein Dokument, das auch Details der Veränderungen späterer Jahrhunderte bewahrt und kenntlich macht.

Was macht Hölderlin? Er läuft unablässig im Turm auf und ab, wie sich nicht zuletzt an den häufigen Schusterrechnungen erkennen lässt. Er zitiert seine eigenen Verse und schlägt ihr Metrum mit der Hand auf die Tischplatte. Er gerät mit seinen Gedanken in Streit, wie es sein Pflegevater, der Schreinermeister Zimmer, überliefert hat. Er spielt Klavier und variiert stundenlang dasselbe Thema. Manchmal singt er auch dazu, aber in welcher Sprache, schreibt Waiblinger, habe man nie erfahren können. Er empfängt Besucher, sitzt mit den Studenten zusammen, die zeitweise im Turm als Untermieter logieren, lacht, wenn ihm bei der Zwetschgenernte die aus dem Baum geschüttelten Früchte auf den Kopf prasseln. Er staunt über die „unermeßliche Kluft zwischen ihm und der ganzen Menschheit“, in die Waiblinger geblickt haben will. Er stirbt. Einen sanften Tod, wie ihn „unter taußend Menschen wenige so sanft sterben“, wie Lotte Zimmer noch in der Todesnacht an den Bruder schreibt. Er schaut aus einem der fünf Fenster seiner kleinen, aber lichten Turmstube hinaus ins Offene.

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