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Auf Hölderlins Lebensspuren : Das wächsern weiche Herz

Die schwäbische Königsdisziplin macht ihm zu schaffen

Hölderlin ist sechzehn, als er ins Klosterseminar kommt. Sein Tag beginnt mit Morgengebet samt Lesung um fünf Uhr früh. Freitags ist Unterrichtsbeginn um sechs: Weltgeschichte nach Schröckh steht auf seinem Stundenplan, der heute zusammen mit den Stundenplänen von Johannes Kepler und Hermann Hesse im kleinen Literaturmuseum zu sehen ist, das in einigen Räumen der besterhaltenen mittelalterlichen Klosteranlage nördlich der Alpen eingerichtet wurde.

Vier Andachten sind über Hölderlins Tag verteilt, der um acht Uhr mit dem Abendgebet endet. Die Schüler tragen Kutten, das Essen ist karg und knapp bemessen, Grundkenntnisse in Latein, Griechisch und Hebräisch werden bei Eintritt in die Klosterschule vorausgesetzt. Hölderlin ist ein guter Schüler, aber nicht mehr ganz so gut wie zuvor in Nürtingen. Die schwäbische Königsdisziplin der pietistischen Selbsterforschung macht ihm zu schaffen: „Liebste Mamma! Ich habe wirklich wieder Geschäfte die Menge auf dem Hals; und Geschäfte, wo die Geisteskräfte ziemlich stark angegriffen werden.“ Er zweifelt an seinem Glauben, klagt über das „Klosterkreuz“, und seiner Mutter bleibt nicht verborgen, dass er die eingeschlagene Pfarrerslaufbahn gern verlassen würde, also nicht länger, wie die Mutter formulierte, „im Gehorsam“ bliebe.

Hetze und Pfusch sind schlimmer als Termindruck

In Maulbronn liest Hölderlin Schillers „Räuber“, verschreibt sich vollends der Poesie, nimmt sich „Pindars Flug“ und „Klopstoksgröße“ zum Vorbild und will nicht ruhen, bis er beide Ideale erreicht, wenn nicht gar überflügelt hat. Sogar die erste Liebe wird der Dichtkunst geopfert. Aber der wichtigste Brief aus Hölderlins Maulbronner Zeit gilt nicht Louise Nast, der Tochter des Klosterverwalters, sondern ihrem Cousin Immanuel Nast, dem er die Liebschaft ein ganzes Jahr lang verschwiegen hatte. Hölderlin klagt darin über zwei gegensätzliche Züge seines Wesens: eine „wächserne Weichheit“ des Herzens, die ihn oft weinen lasse, und einen „traurigen Ansaz von Roheit – daß ich oft in Wuth gerate ... wann kaum ein Schein von Beleidigung da ist“.

Das Kindliche in Hölderlins Wesen haben seine Zeitgenossen oft hervorgehoben. Aber über seine Kindheit wissen wir fast nichts. „Mich erzog der Wohllaut / des säuselnden Hains“, heißt es in einem Gedicht. Er war zwei Jahre alt, als der Vater starb, und neun, als der geliebte Stiefvater sich eine tödliche Lungenentzündung zuzog. In Nürtingen, wo die Mutter nach der Heirat mit Johann Christoph Gok seit 1774 lebte, war Hölderlin lange Zeit weitgehend vergessen. Eine Plakette erinnert am ehemaligen Wohnhaus der Familie an den Dichter. Jetzt wird das große, nicht schöne, aber ausgesprochen stattliche Gebäude, in dem die Nürtinger Volkshochschule untergebracht ist, nach Jahren des Streits in der Stadt renoviert und neu gestaltet. Die geradezu großbürgerlichen Wohnräume der Familie in der ersten Etage sollen künftig eine Ausstellung zum Thema Hölderlin und die Bildung beherbergen. Dass die Nürtinger Bemühungen nicht rechtzeitig zu den Jubiläumsfeierlichkeiten vollendet sind, scheint hier ebenso wenig ein ernsthaftes Problem zu sein wie im Geburtsort Lauffen. Auch in der schwäbischen Provinz wird heutzutage der Termindruck gefürchtet. Aber mehr noch fürchtet der Schwabe Hetze und Pfusch.

Ein bisschen öfter an Lauffen denken

Mehr als zwanzig Jahre lang hat die Stadt mit dem ehemaligen Besitzer des Lauffener Hölderlinhauses über die Modalitäten des Verkaufs gerungen, bevor man sich schließlich einig wurde. Was war so schwierig an den Verhandlungen über ein seit Jahrzehnten leerstehendes, bäuerlich wirkendes Haus an einer vielbefahrenen Durchgangsstraße? An Hölderlin, sagt Lauffens Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger, solle sich niemand bereichern. Es kann tatsächlich nicht nur ums Geld gegangen sein. Keine andere Gemeinde unternimmt im Hölderlinjahr größere Anstrengungen als Lauffen am Neckar, niemand im Ländle lässt sich das Jubiläumsjahr mehr kosten. 5,5 Millionen bringt Hölderlins Geburtsort für die Neugestaltung des Hölderlinhauses samt Veranstaltungsanbau insgesamt auf. 1,3 Millionen kommen davon aus dem Stadtsäckel, 1,2 Millionen steuert ein Lauffener Unternehmer bei, dessen Firma zu den Weltmarktführern im Bereich Greifsysteme und Robotik gehört.

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