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Hörbuch zu Humboldt : Dieser Mann ist ein wahres Füllhorn der Naturwissenschaften

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Am 23 Juni 1802 versuchte Humboldt, den Chimborazo (nach einer Zeichnung von Thibault) im heutigen Ecuador zu besteigen. Obwohl er scheiterte, gehört dieses Abenteuer zu den berühmtesten Episoden seines Reisewerks. Bild: akg-images

Gerechtigkeit für einen Giftbaum: Eine üppige Hörbuchedition führt mit Ulrich Noethen in das reiche Lebenswerk des Forschers Alexander von Humboldt ein.

          Gegen Ende seines beinahe neunzigjährigen Lebens hatte Alexander von Humboldt einen verrückten, „tollen Plan“: Die ganze Welt wollte er in einem einzigen Buch als „Kosmos“ erfassen und in insgesamt fünf Bänden in ihrer geographischen, geologischen, botanischen, zoologischen und anthropologischen Mannigfaltigkeit darstellen. Nur der letzte Teil blieb bei seinem Tod am 6. Mai 1859 unvollendet, der Rest war eine Art Summe seines meist in französischer Sprache verfassten Riesenœuvres über Amerika und Russland, die Geographie der Pflanzen und Tiere, über Natur, Kultur und Wissenschaft schlechthin. Die Vorträge aus diesem universalen „Kosmos“ vor höfischem und bürgerlichem Publikum in Berlin waren legendär. Ludwig Börne konnte das unaufhörliche „Zuströmen von Menschen und Kutschen“ vor der Singakademie kaum fassen; drinnen war er dann fasziniert, auch wenn er aufgrund seiner „Harthörigkeit“ nicht alles mitbekam.

          Entschieden einfacher hat man es jetzt mit einem achtteiligen Radio-Feature, das Hans Sarkowicz für den Hessischen Rundfunk zusammengestellt hat. In acht, jeweils sechzig- bis neunzigminütigen Sendungen, die an die goldenen Zeiten der Funkkollegs Philosophie, Kunst oder Literatur erinnern, wird man äußerst vielseitig und lebendig in Humboldts „unbekannten Kosmos“ eingeführt. Zugrunde liegt die Buchpublikation „Der Andere Kosmos“ (erschienen bei dtv), die im Vorausgriff auf die Berner Gesamtausgabe von Humboldts kleineren Schriften aus rund 1000 verstreuten Aufsätze schon einmal 70 Texte aus 70 Jahren vorlegt. Etliche dieser Essays kann man jetzt im Hörbuch verfolgen, wobei Ulrich Noethen mit seiner neugierig und bedenklich räsonierenden Diktion den idealen Sprecher für Alexander von Humboldt abgibt. Dazwischen kommen, vor geschickt arrangierten Geräuschkulissen und Urwaldklängen, alle möglichen Experten zu Wort: Allen voran natürlich Oliver Lubrich mit seinem Herausgeberteam der Gesamtausgabe, daneben auch Andrea Wulf als Biographin oder Tobias Kraft als Leiter der Humboldt-Arbeitsstelle an der Berliner Akademie.

          Messender und deutender Geist, brüderlich vereint: die Statuen von Alexander und Wilhelm von Humboldt vor der Humboldt-Bilbiothek in Berlin

          Für dieses Hörbuch gilt beinahe, was Goethe seinem Herzog über Humboldt als „wahrhaftes Füllhorn der Naturwissenschaften“ berichtete: Ihm eine Stunde zuzuhören bringe mehr als acht Tage Lektüre. Die ersten eineinhalb Stunden gelten der Biographie, die Humboldt 1799 selbst kurz vor der Abreise nach Südamerika skizziert: Er spricht von seiner sorgfältigen Erziehung durch Privatlehrer im Berliner Elternhaus, den Studien in Göttingen, Frankfurt/Oder und Hamburg, der Reise mit Georg Forster an den Niederrhein, seinen technischen Erfindungen einer Grubenlampe und Atemmaschine für den Bergbau, seinen Experimenten im Bereich der Luftchemie und Nervenelektrizität und von seinem Forschungsprogramm für die vom spanischen König erbetene große Expedition. Solch weitblickende Ideenverknüpfungen sind schon dem ersten publizierten Text des Zwanzigjährigen über den Giftbaum Bohon-Upas anzumerken. Humboldt studiert hier Quellen, prüft Mythen, erforscht Lebensbedingungen, erwägt neue kritische Perspektiven auf eine vielleicht zu Unrecht dämonisierte Pflanze. Die Malaien gewinnen aus deren Stamm mit eingestochenen Bambusstöcken ein tödliches Sekret, das im menschlichen Körper nicht einmal durch sofortige Amputation betroffener Glieder, wohl aber durch Exkremente als Brechmittel bekämpft werden kann.

          Weitere Reisebeobachtungen aus der Pflanzen- und Tierwelt im zweiten und siebten Teil des Hörbuchs ergänzen die aktuelle Hamburger Ausstellung „Humboldt lebt!“ (F.A.Z. vom 15. Mai). Die dritte Sendung gilt dem Menschen und seiner kulturvergleichenden, ethnologischen Erforschung. Mit der These einer Einheit des Menschengeschlechts distanziert sich Humboldt von „jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen“. Er betreibt die Aufwertung amerikanischer Urvölker gegen deren Verachtung bei Buffon, Hume oder Hegel. Dennoch gibt es auch bei ihm widersprüchliche Einschätzungen, beispielsweise über indigene Kunst und der Frage, ob sie auch von ästhetischem Interesse sei.

          Von aktueller Brisanz sind Humboldts Überlegungen zu Klima und Umwelt im sechsten Kapitel des Hörbuchs. In Südamerika begreift er, dass die Natur auch sehr gut ohne den Menschen auskommen kann. 1803 hält er im Reisetagebuch fest: „Alles ist Wechselwirkung“. Erst 1866 wird Ernst Haeckel Ökologie als Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zu der umgebenden Außenwelt definieren. Aus Beobachtungen der Pflanzenentwicklung fragt sich jedoch bereits Humboldt, ob periodische Veränderungen des Klimas neben menschlicher Kultivierung und Züchtung dafür verantwortlich sein könnten. So finden sich in der Beschreibung der Reise nach Zentralasien Passagen, in denen er einen Zusammenhang zwischen der Rodung großer Flächen und der Veränderung des Boden und Wetters in einer Region herstellt. Auch wenn Humboldt den globalen Klimawandel noch nicht vorhersehen konnte, erscheinen viele der in diesem Hörbuch vorgebrachte Bedenken über Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur als äußerst hellsichtig.

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