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Zum Tod der Autorin Jan Morris : Eine Frau sein

  • -Aktualisiert am

Jan Morris im Mai 2013 Bild: AP

Die Journalistin, Historikerin und Reiseschriftstellerin Jan Morris ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Sie konnte Gegenstände durch anschauliche Beschreibung lebendig machen – und prägte mit ihrem monumentalen Geschichtsband das Verständnis der Konservativen.

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          Als Kind besaß Jan – oder James, wie sie noch hieß – Morris ein Fernrohr, durch das sie die Schiffe auf dem Bristolkanal beobachtete. Damals sei es ihr vorgekommen, schrieb sie später, als habe sie dank dieses optischen Instrumentes einen „ganz persönlichen Einblick in fremde Welten“ bekommen. Der Blick durchs Fernrohr ist eine treffende Metapher für die Annäherung an entfernte Gegenstände, die Jan Morris zu ihrer Lebensaufgabe als Journalistin, Historikerin und Reiseschriftstellerin gemacht hat. Zu diesen Tätigkeiten kam die beinahe anthropologische Betrachtung der eigenen Person hinzu, die aus dem Gefühl des Andersseins entstand.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Mit drei oder vier Jahren erwachte bei ihr das Bewusstsein, im falschen Körper geboren zu sein – ihre frühste Kindheitserinnerung. Später, im Internat, fügte sie dem Tischgebet insgeheim den Zusatz an: „Lieber Gott, lass mich ein Mädchen sein.“ In ihrem 1974 erschienenen, jüngst in einer neuen deutschen Ausgabe aufgelegten Buch „Conundrum“ hat Jan Morris ebenso unsentimental wie eindringlich den langen Weg zur Geschlechtsangleichung beschrieben, bei dem ihre Frau sie unterstützte und begleitete und den sie 1972 mit einem operativen Eingriff in Casablanca abschloss – zu einer Zeit also, in der das Thema als Tabu galt.

          Eingliederung des einen Geschlechts in das andere

          Ihr Erfahrungsbericht ist weit mehr als eine Reportage. Vielmehr erkundet Jan Morris anhand ihrer eigenen Empfindung des „ewig Weiblichen“ das „Fließende in den sexuellen Konturen“, das sie als Teil der Conditio humana sah. Sie lehnte für sich den Begriff Geschlechtsumwandlung ab und sprach lieber von der Eingliederung des einen Geschlechts in das andere.

          Jan Morris verbrachte die Jahre als James in ausgeprägten Männergesellschaften. Aus dem Jungeninternat flüchtete sie im letzten Kriegsjahr in ein elitäres Kavallerieregiment, bei dem sie in Italien, Ägypten und zuletzt als Nachrichtenoffizier im britischen Mandatsgebiet Palästina diente, bevor sie nach fünf Jahren in die damalige Machowelt der Fleet Street eintrat. Als Auslandskorrespondent der „Times“ spielte sie eine Schlüsselrolle bei einem Ereignis, das wie das letzte imperialistische Hurra anmutet: der Eroberung des Mount Everest im Mai 1953. Morris war mit der exklusiven Berichterstattung betraut. Sie sorgte dafür, dass die Nachricht am Tag der Krönung Elisabeths II. in der Zeitung stand, und fühlte sich, als sei sie selbst gekrönt worden.

          Sie prägte das Geschichtsbild der Konservativen

          Etwas von diesem romantischen Patriotismus ist auch in ihre monumentale dreibändige Geschichte des Niedergangs des britischen Weltreichs eingeflossen, obwohl sie die Schattenseiten keineswegs verschwieg. Der Literaturkritiker James Wood, ein Zeitgenosse von Boris Johnson, David Cameron und Jacob Rees-Mogg in Eton, erzählte unlängst, wie sie als Schüler die mitreißende Darstellung militärischer Expeditionen, nobler Niederlagen und brutaler Siege im Geschichtsunterricht zu lesen bekamen. Wood argumentierte, dieses Geschichtsbild habe den politischen Weltblick dieser Konservativen geprägt, die den Rückblick in die Vergangenheit als den einzigen Weg nach vorn sähen.

          Nicht, dass Jan Morris diese Haltung geteilt hätte. Aber es zeugt von der auch ihre Bücher über Venedig, Oxford oder Triest kennzeichnenden Fähigkeit, Gegenstände durch anschauliche Beschreibung und den Blick für vielsagende Details lebendig zu machen, dass sie die Schüler zu begeistern vermochte. Am vergangenen Freitag meldete ihr Sohn, dass Jan Morris im Alter von 94 Jahren ihre größte Reise angetreten und ihre lebenslange Partnerin am Ufer zurückgelassen habe.

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