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Eine „Bierode“ von Gottfried Benn : Hallelujah, Pröstchen!

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„O Berliner Kindl! Edles Bräu” Bild: INTERFOTO

Der Oberstabsarzt saß gern im Pilsner Urquell: Eine ungedruckte „Bierode“ Gottfried Benns von 1935 zeigt den Dichter in Trinklaune, wenn auch nicht unbedingt in Höchstform. Für die Forschung ist das Dokument trotzdem von Interesse.

          3 Min.

          In Berlin ist meine Lage unhaltbar geworden, wirtschaftlich, beruflich und vollends, Sie wissen, literarisch. Ich habe meine Praxis aufgelöst, die Belle-Alliance-Straße wird mich nicht wiedersehen. Ich tauche unter, kehre zurück, woher ich kam, zur Armee.“ Mit Worten wie diesen verabschiedete sich der Dichter Gottfried Benn Anfang 1935 von verschiedenen Berliner Freunden.

          Der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten nannte seinen Wechsel von Schöneberg nach Hannover „die aristokratische Form der Emigration“. Benn hatte gute Gründe, Berlin als Zentrum des Nationalsozialismus zu verlassen, nicht zuletzt aufgrund seiner kurzzeitigen Verirrung im Jahr der Machtübernahme und der damit verbundenen unrühmlichen Rolle in der Preußischen Akademie der Künste. Die zwei Jahre als Oberstabsarzt bei der Heeressanitäts-Inspektion in Hannover versprachen Abstand. Und der Dienst - Aufbau eines kriegstauglichen Musterungs- und Sanitätswesens - ließ Zeit zum Trinken und Schreiben.

          Benn wohnte zunächst als Zimmerherr am Stadtwald Eilenriede, „miserabel“ und mit 75 Mark eine „bodenlose Unverschämtheit“. Solche Klagen über die Wohnsituation richtet er an seine Partnerin Elinor Büller, Schauspielerin in Berlin, der er etwa jeden zweiten Tag schreibt: „Lauter Schund. Abgelegen, mies möbliert, z.T. ohne jedes Bad.“

          Man muss werfen, einmal trifft man

          Ein ergänzender, bisher unbekannter Brief zur Wohnungssuche vom 27. Februar 1935 wird in Kürze bei Bassenge in Berlin versteigert. Es ist die erste Botschaft aus Hannover überhaupt; in der gedruckten Korrespondenz mit Büller (im Rahmen der Werkausgabe Gottfried Benns 1992 im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart erschienen) folgen 236 weitere. Weit bemerkenswerter in der für den 22. Oktober angekündigten Auktion ist aber eine bislang ungedruckte „Bierode“ Benns, die er Elinor (Morchen) widmet und deren provisorische Transkription wir hier mit freundlicher Genehmigung von Nele Poul Sørensen abdrucken.

          Der hastig zu Papier gebrachte Text mag in einem der Hannoverschen Lokale entstanden sein, die Benn gerne besuchte: Das „Café Kröpcke“ oder das „Pilsner Urquell“ - „Uraltes Ding, sehr distinguiertes Männerpublikum“ - erwähnt er in den Briefen ebenso wie das „Gildebräu“ oder die „Bierterrasse“ der Stadthalle. Dort notiert er sich auf einer Speisekarte das Gedicht „Tag, der den Sommer endet“. Und das „Weinhaus Wolf“, wo Benn seinen Einstand gibt, nutzt er gar als Titel einer Erzählung, in der gegen Ende mit den Worten „daglüah, gleia, glülala“ auf ein „Trinklied“ Richard Dehmels angespielt wird.

          Benns Trinklied steht also nicht außerhalb aller Kontexte. In der späteren Lyrik spielt Bier sogar wiederholt eine Rolle; im Gedicht „Restaurant“ von 1951 dient der Anblick zechender Gäste etwa als Rechtfertigung, „dass ich auch gelegentlich einen zische“. Künstlerisch reicht die „Bierode“ an die Produktion des Jahres 1935, die in Heinrich Ellermanns „Das Gedicht. Blätter für die Dichtung“ erscheint, bei weitem nicht heran. Man denke an „Astern“ oder an die politische Distanzierung in „Die weißen Segel“ - „Und doch vor Flagg' und Fahnen / erhebe dich gedämpft“. Seinen Freund Friedrich Wilhelm Oelze, dem die Sammlung zum Kummer Elinors gewidmet ist, teilt Benn Anfang September 1935 zu offenbar früher übersandten lyrischen Proben seine kritische Selbsteinschätzung mit: „Die Gedichte sind nicht gut. Aber man muss werfen, einmal trifft man.“ Die „Bierode“ scheint ein solcher Versuchswurf gewesen zu sein, der ahnen lässt, zu welch bedrückend schwachen Gedichten Benn überhaupt in der Lage war.

          Halb aus Trieb und halb aus Lust

          Die „Bierode“ beginnt und endet launig und übermütig: „O Berliner Kindl! Edles Bräu, / vergleichbar den Hannoverschen Besonderheiten: / Härke, Gilde, Lindener Spezial, / Wülfeler und das Ricklinger Kaiserbier!“ Der Kontrast zwischen hohem und niederem Stil, zwischen Lobpreis und banalem Alltagsstoff ergibt sich schon aus dem Titel. Bier taugt einfach nicht für Oden. Der weitere Verlauf ist aber rätselhaft. Denn es ist nicht klar, ob der Sprecher hier bierselige Volksgenossen mit ironischer Distanz beobachtet oder auch selbst dazugehört. Für eine Parodie oder gar eine politische Glosse auf das Pathos der Faschisten ist der Abstand nicht deutlich genug markiert. Ihre Symbole, vor allem die im Sommer gereiften und gebündelten Ähren, werden aufgerufen: „schon wächst aus Spelz u. Korn / die Grundlage des Gär- u. Sudprozesses!“ Benn lässt es mit der „schaumgekrönten Tulpe“ auf einem frisch gezapften Bier nicht bewenden, vielmehr spricht er vom Nährboden der schunkelnden und brauend-braunen Machthaber der Zeit als einer „durstbetäubten, hitzigen, ewig biergierigen Eigenbluterde“.

          Eine wohlwollende Deutung wird solche Ironiesignale und den kühlen physiologischen Blick des Arztes auf den Akt des Trinkens in den Vordergrund rücken. Der völlige Kontrollverlust im Zustand des Suffs würde dann der dumpfen „Arterhaltung“ dienen: „Welch gewaltiger Schritt der Natur / Bis zum Gerstensaft! / Autochthone Durstregelung, / Flüssigkeitszufuhr / halb aus Trieb und halb aus Lust, / Erhabenes Erhobensein / über die Vorstufen / von Dahindämmern u. Arterhaltung!“

          Es fällt aber doch schwer, diese über siebenundvierzig Zeilen ausgebreitete schwülstige Rede für nichts als Ironie zu halten. Zumindest sprachlich und metaphorisch bebt hier etwas nach, das noch nicht vollständig bewältigt und verarbeitet ist. Der Abgesang des Gedichtes schließt an den harmlos launigen Eingang an und wiederholt einige Braumarken aus Hannover. Zum Schluss heißt es: „von Bier zu Bier / die große Linie der Menschwerdung / Hallelujah, Pröstchen!“ Texte wie dieser, mit einem im gesamten OEuvre Benns nicht wiederkehrenden Vokabular, waren zum Glück nicht für den Druck bestimmt. Als Symptom eines geistigen Übergangs, der schwerlich exakt datierbar ist, dürfte dieser Fund für die Forschung aber von keinem geringen Interesse sein. Der Schätzwert des Auktionshauses liegt bei achttausend Euro.

          Gottfried Benn

          Bierode (für Mor)

          O Berliner Kindl! Edles Bräu,
          vergleichbar den Hannoverschen Besonderheiten:
          Härke, Gilde, Lindener Spezial,
          Wülfeler und das Ricklinger Kaiserbier!

          Juli! Frieden!
          O Lebensmittag, feierliche Zeit,
          der Sommer steht und sieht den Rosen zu
          die Gerste reift, schon wächst aus Spelz u. Korn
          die Grundlage des Gär- u. Sudprozesses!

          Von Bier zu Bier -
          Erinnerung spinnt seine Schleier,
          die Netze webend
          um kalkbeschlagenen Weiher:
          Ureisvisionen, Auskühlung tiefer Art
          dem Blick u. Griff vorgaukelnd
          zur schaumgekrönten Tulpe!

          Vor Warmblütererde - !
          der alles ungetrennt
          mit Meer u. Land
          Frost u. Erwärmung teilte
          angepasst fraglos dessen entzweit geregelten Temperaturen
          bis zu dieser durstbetäubten, hitzigen, ewig biergierigen
          Eigenbluterde!

          Welch gewaltiger Schritt der Natur
          Bis zum Gerstensaft!
          Autochthone Durstregelung,
          Flüssigkeitszufuhr
          halb aus Trieb und halb aus Lust
          Erhabenes Erhobensein
          über die Vorstufen
          von Dahindämmern u. Arterhaltung!

          Aufstützt sich die Natur,
          erkennt sich etwas näher,
          ruft dich an,
          schon rundet sich die Kehle
          beweglich zu süssem Menschenlaut,
          schon tritt sich gegenüber
          die grosse Doppelwoge:
          Natur u. Geist,
          u. spaltet sich u. flutet wieder zu
          u. atmet sich Versöhnung an ,
          du Juli, Frieden feierliche Zeit
          im edlen Bräu,
          vergleichbar den Hannoverschen Besonderheiten
          Härke, Gilde, Lindener Spezial
          von Bier zu Bier
          die grosse Linie der Menschwerdung
          Hallelujah, Pröstchen!

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