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Eine Begegnung mit Robert Harris : Der Spion, der nicht siegte

  • -Aktualisiert am

Der Journalist Robert Harris hat geschafft, wovon jeder Reporter träumt: die andere Seite des Spiegels zu sehen Bild: Clara Molden

Robert Harris arbeitet in seinem neuen Thriller „Intrige“ die Affäre um Alfred Dreyfus literarisch auf. Seine Hauptfigur muss sich zwischen Wahrheit und Loyalität entscheiden.

          Am Kennet-und-Avon-Kanal genießt Robert Harris die beste aller möglichen Welten – ländliche Ruhe in einem stattlichen neugotischen Pfarrhaus, das der ehemalige politische Journalist 1993 mit dem Ertrag aus seinem ersten Roman, „Vaterland“, kaufen konnte, und die Nähe zu dem in einer knappen Zugstunde erreichbaren metropolitanen Leben. Vom Pfarrhaus hat er seinen Besucher über den Ziehpfad zum verschlafenen Dorfbahnhof begleitet, dessen Schnellverbindung nach London die Häuser in der Gegend zu begehrten Immobilien macht.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Zug ist leicht verspätet, und wir unterhalten uns noch am Bahnsteig. In der herbstlichen Ruhe wähnt man sich in einer anderen Zeit, bis das penetrante Geratter eines Hubschraubers die Illusion zerstört. Robert Harris ist irritiert. Wiederholt unterbricht er das Gespräch und reckt den Kopf in den Himmel. Detailverliebt wie in seinen Büchern, erklärt er, es handele sich um einen Cobra-Kampfhubschrauber, und weist konsterniert auf die Raketen. Er findet es unheimlich, „orwellhaft“, dass dieser Hubschrauber über uns kreist. Einige Tage später schickt er zu vorgerückter Stunde eine E-Mail. Er müsse sich korrigieren, es sei ein Kampfhubschrauber vom Typ Apache gewesen.

          Angetrieben vom Misstrauen gegenüber dem Staat

          Die kleine Vignette verrät nicht nur, wie akribisch Harris vorgeht in seinem Streben nach authentischen Bildkulissen, sondern verweist auch auf den Argwohn gegen den geheimen Staat, gegen Verschwörungen, Vertuschungen und unlautere Machenschaften des Establishments, der sich leitmotivisch durch seine Romane zieht, ob er sich, wie in „Vaterland“, vorstellt, dass Hitlers Deutschland den Krieg gewonnen hat, wie in „Pompeji“ oder „Imperium“ die Korruption in der altrömischen Gesellschaft schildert, oder ob er wie in „Ghost“ den dunklen Verstrickungen eines fiktiven britischen Ex-Premiers nachspürt, dessen Ähnlichkeit mit Tony Blair unverkennbar ist.

          Dieser Argwohn steht auch im Zentrum seines jüngsten Thrillers, „An Officer and a Spy“, einer spannenden Nacherzählung der Dreyfus-Affäre, die jetzt, nur wenige Wochen nach der englischen Ausgabe, unter dem Titel „Intrige“ auf Deutsch erschienen ist. Harris schildert den Skandal um den 1894 wegen Hochverrats verurteilten Alfred Dreyfus aus der Sicht von Oberst Marie-Georges Picquart, dem Leiter des militärischen Geheimdienstes, der gegen seine ursprüngliche Überzeugung die Unschuld des Hauptmanns bewiesen hat. Dem Gewissen folgend, statt die Loyalität zum Amt zu wahren, hat Picquart eine glanzvolle Karriere geopfert, um öffentlich für Dreyfus einzustehen. Picquart sei für den Romancier ein Geschenk des Himmels, erzählt Harris, weil über die Einzelheiten seines Lebens so gut wie nichts bekannt sei, obwohl die Zeitungen diesen reservierten, kultivierten Offizier damals als Helden gefeiert hätten.

          Parallelen zum NSA-Skandal

          In Hinblick auf die NSA-Enthüllungen, auf die Rolle der Presse und deren Regulierung sowie auf die heute höchst umstrittenen geheimen Gerichtsverfahren – Dreyfus wurde hinter verschlossenen Türen verurteilt –, die der Staat mit dem Verweis auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu rechtfertigen sucht, drängen sich die in Harris’ Romanen vorhandenen Parallelen zur Gegenwart besonders auf. Harris sieht in Picquart den ersten Whistleblower und in dem zweiten Verfahren gegen Dreyfus eine der ersten großen internationalen Zeitungsgeschichten mit einem Pressezentrum für dreihundert Journalisten, die jeden Tag nach London, New York, Berlin oder anderswo so viel Material überlieferten, dass besondere Telegrafisten eingesetzt werden mussten, um das Aufkommen zu bewältigen.

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