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Thriller-Autor Robert Harris : Jede Zivilisation trägt den Keim ihrer Zerstörung in sich

IN seinem neuen Buch führt Robert Harris seine Leserschaft scheinbar in ein zweites Mittelalter. Bild: Bernd Hoppmann

Fröhliches Gemüt, dunkle Romanvisionen: In seinem neuen Thriller entführt Robert Harris seine Leser nur scheinbar ins Mittelalter. Eine Begegnung in London.

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          Schwermut ist kein Wesenszug von Robert Harris. Vor allem nicht, wenn der Schriftsteller in der frühherbstlichen Nachmittagssonne auf der Terrasse des ehemaligen Dorfpfarrhauses sitzt, das er Anfang der neunziger Jahre mit dem unverhofften Ertrag seines ersten Bestsellers „Vaterland“ erwerben konnte, und mit scharfsinnig abgeklärter Ironie über die Torheit der Regierenden sinniert.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Ein Glas Rotwein in der einen Hand, eine Zigarre in der anderen, scheint er das Leben in vollen Zügen zu genießen. Vor ihm fällt der frisch gemähte Rasen sanft zum Kanal ab, wo Hausboote zwischen lauschig grünen Ufern ruhen und das goldene Licht sich im Wasser spiegelt. In solch einer englischen Idylle wie aus einem Brexit-Bilderbuch hat Robert Harris sich in seinem jüngsten Roman die Apokalypse unserer Gesellschaft vorgestellt.

          Ein zweites Mittelalter

          Auf den ersten Blick wirkt „Der zweite Schlaf“ wie ein historischer Roman nach dem Muster, sich einer Episode aus der Vergangenheit als Folie für die Betrachtung der Gegenwart zu bedienen, wie es der ehemalige politische Journalist nun schon in dreizehn Thrillern verfeinert hat. Diesmal wiegt Harris den Leser zunächst in der falschen Annahme, er würde ins Mittelalter geführt, genauer gesagt ins Jahr 1498. Über den im allerersten Satz enthaltenen Hinweis, dass dem nicht so ist, liest man leicht hinweg. Nach und nach summieren sich jedoch irritierende Anzeichen.

          Spätestens wenn der Hauptprotagonist auf ein kleines Objekt stößt mit einem angebissenen Apfel auf der Rückseite, dem endgültigen „Symbol für die Hybris und Blasphemie der Vorfahren“, wird klar, dass Harris ein alternatives Mittelalter ersonnen hat. Diese Welt ist den Trümmern des frühen 21. Jahrhunderts entstiegen, in dem, achthundert Jahre vor dem Zeitpunkt der Handlung, die Menschheit durch eine unbekannte, als Gottesstrafe gedeutete Katastrophe in die Finsternis zurückgeworfen worden ist.

          Der Titel bezieht sich auf den bis in die Frühe Neuzeit reichenden Brauch, in zwei durch eine wache Stunde unterbrochenen Etappen zu schlafen. Er lässt sich freilich auch als Metapher für die durch die Implosion verursachte Regression in den Schlummer eines zweiten Mittelalters deuten, in dem die bisherigen zivilisatorischen Errungenschaften ausgelöscht worden sind – wie einst die Erfindungen der alten Römer. Mit diesem Blick zurück in eine totalitäre Zukunft, in der Altertumsforscher sich über das Denkverbot der Kirche hinwegsetzen, um aus archäologischen Funden eine verlorene Zivilisation zusammenzustückeln, wirft Harris ein Schlaglicht auf den Wahn unserer technologiebesessenen Zeit.

          In „Der zweite Schlaf“ zitiert er einen fiktiven Nobelpreisträger aus vorapokalyptischer Zeit, der warnt, dass die Gesellschaft „ein Niveau der Differenziertheit“ erreicht habe, „das uns auf einzigartige Weise für einen totalen Kollaps anfällig macht“. Dennoch, so lässt Harris ihn mit einem unverhohlenen Hieb gegen die britische Regierung in Bezug auf den Brexit nachsetzen, sei auf Regierungsebene keine entsprechende Notfallplanung erfolgt. „Der zweite Schlaf“ ist auch als Warnruf zu verstehen – davor, wie schnell eine Gesellschaft dem Gesetz des Dschungels verfällt, wenn die Lebensmittelversorgung versagt und kein bares Geld vorhanden ist.

          Wird die Kirche wieder an die Macht kommen?

          Nach seinen vier Romanen über die bröckelnden Strukturen des antiken Rom, insbesondere der Cicero-Trilogie, beschäftigt Harris die Frage, was von uns zurückbleiben wird. Schließlich müsse für die Römer genauso undenkbar gewesen sein, dass ihre Ingenieurskunst jahrhundertelang in Vergessenheit geraten werde, wie für uns die Vorstellung, dass Wolkenkratzer oder Flugzeuge in einer dunklen Zukunft nahezu mythische Visionen sein könnten.

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