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J.D. Salinger in New York : Der Dissident des Ruhms

Neben Brille und Pfeifen: die Schreibmaschine, auf der „Der Fänger im Roggen“ entstand Bild: AP

J.D. Salinger war notorisch zurückhaltend. Was er im Privaten lassen wollte, ist jetzt jedoch in einer Ausstellung in der New York Public Library zu sehen.

          5 Min.

          „Ein idealer Tag für Bananenfische“ heißt eine der erfolgreichsten Kurzgeschichten von J. D. Salinger. 1948 erstmals im „New Yorker“ erschienen, deutet sie in drei kurz aufblendenden Szenen die Umstände des Selbstmordes eines Kriegsveteranen an. Oft und auf unterschiedliche Weise interpretiert, gibt es fast keinen Satz in der Geschichte, der nicht in irgendeinem Zusammenhang als Anspielung gewertet wurde. Aber dass das völlig unscheinbare Kurztelefonat zwischen Muriel und ihrer Mutter gegen Mitte der Erzählung noch einmal eine besondere autobiographische Bedeutung erlangen würde, hätte man nicht gedacht. Da berichtet die junge Ehefrau des traumatisierten Kriegsheimkehrers über einen „schlimmen Sonnenbrand“, den sie sich am Strand zugezogen habe. Und die besorgte Mutter fragt entrüstet, ob sie denn nicht „die Dose Bronze“ gesehen habe, die sie heimlich in ihrem Koffer versteckt hatte. Bronze als Heilmittel gegen Sonnenbrand – die Naturheilkunde als Kennzeichen der elterlichen Fürsorge.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Von der Passage in der frühen Erzählung führt ein unwahrscheinlicher Weg direkt ins Alltagsleben des Homöopathen und Pflanzenheilkundlers J. D. Salinger: In Briefen, die jetzt in der New York Public Library erstmals ausgestellt sind, empfiehlt er seinem Sohn Matt, der Ende der achtziger Jahre in Frankreich studierte, mit Nachdruck die Einnahme von pflanzlichen Heilmitteln. Als der Sohn ihm von einer Nasennebenhöhlenentzündung berichtet, legt der Vater seinem nächsten Brief dreißig Gramm Phosphor bei und schickt ihm die Adresse eines homöopathischen Arztes in einer französischen Provinzstadt, mit dem er über alternative Heilmethoden korrespondiert hat. Der unerschütterliche Glauben an eine ganzheitliche Medizin und der liebevoll sorgende Umgang des berühmten Schriftstellers mit seinem Sohn sind wiederkehrende Motive in der kleinen, aber spektakulären New Yorker Ausstellung über Salingers Leben und Werk, die sein Sohn Matt zusammen mit der letzten Ehefrau seines Vaters, Colleen Salinger, kuratiert hat.

          Man muss wissen, dass Matts Schwester Margaret im Jahr 2000, also noch zu Lebzeiten Salingers, eine Familienautobiographie veröffentlichte, in der sie mit der „pathologischen Selbstzentriertheit“ des Vaters scharf ins Gericht ging. Und dass sich Sohn Matt damals entschieden vom darin gezeichneten Bild distanzierte. Mit seiner lang vorbereiteten Ausstellung, die eine Vielzahl von privaten Dokumenten, Manuskripten, Fotografien und Briefen erstmals zur Schau stellt, will er der Öffentlichkeit nun einen anderen Blick auf seinen Vater gewähren. Wie seine Schwester bricht auch er dafür radikal mit dem Gelübde des abgeschottet lebenden Schriftstellers. Auf geradezu phantastische Weise öffentlichkeitsscheu, hatte Salinger sich bekanntlich nach seinem ungeheuren Erfolg mit dem „Fänger im Roggen“ Anfang der fünfziger Jahre auf ein Landhaus in New Hampshire zurückgezogen und seitdem mit großer Entschiedenheit jede Form des Auftritts verweigert. Kein Bild, keine Aufnahme von ihm durfte nach draußen gelangen. Nur in Textform sollte er erscheinen. Dadurch wurde Salinger zum mythischen Typus des unerreichbaren Schriftstellers, der sein Schreiben als existentielle Lebensaufgabe versteht und sich vor jeder Ablenkung schützt.

          Mit skeptischem, leicht überheblich wirkendem Blick

          Wenn man jetzt in dem von drei Sicherheitskräften streng bewachten Galerieraum vor den Vitrinen steht, vor all den privaten Fotografien, intimen Briefen und auratisierten Gebrauchsgegenständen, überkommt einen somit fast ein Gefühl von Scham. Als bekäme man hier etwas zu sehen, das eigentlich nicht für fremde Augen bestimmt ist. Beginnend mit frühen Kindheitsfotos erzählt die Ausstellung chronologisch das Leben des 1919 in New York City als Sohn jüdischer Immigranten geborenen Salinger. Nach Schule und abgebrochenem Schreibstudium an der Columbia University – seine Mutter foppt ihn mit (hier ausgestellten) Zettelbotschaften, auf denen sie seine Erzählversuche als „masterpieces“ ironisierte – besucht er kurz vor Kriegsausbruch Europa, wohnt in Wien. An die ausladenden Balkone, von denen man über die ganze Stadt schauen konnte, erinnert er sich später sehr genau. Seine Militärzeit im Zweiten Weltkrieg verbringt er bei der Air Force. Zwischendurch arbeitet er kurzzeitig auch als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt ihn inmitten einer Menschenmenge am Rande eines schachbrettartigen Spielfeldes. Ein hochgewachsener, gutaussehender Mann mit der Denkerhand am spitzen Kinn schaut da mit einem skeptischen, leicht überheblich wirkenden Blick aufs Geschehen.

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