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Catherine Robbe-Grillet : Warum Madame tut, was sie tut

  • -Aktualisiert am

Diese Handschuhe legt Catherine Robbe-Grillet nur zu besonderen Gelegenheiten ab. Bild: AFP

Catherine Robbe-Grillets Debütroman „L’Image“ wurde 1956 in Frankreich zum Skandal. Über Sexualität zu schreiben, bereitet ihr immer noch Vergnügen. Wer sie zur Cocktail-Stunde trifft, der wechselt das Jahrhundert. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Die Magnolienbäume blühen, und die Nacht ist mild, aber Madame Robbe-Grillet trägt Handschuhe. Nicht der Kälte, sondern des Prinzips wegen: Madame allein bestimmt, wie nahe die Welt an sie heranrücken darf. Dazu ein cremefarbener langer Mantel, darunter ein gewaltiger Kettenanhänger mit Dutzenden zierlicher Diamanten in Herzform – ein Geschenk von Gaddafi. Wenn sie an der Spitze ihres rechten Handschuhs zupft und das schmale Händchen aus der Lederhülle schlüpfen lässt, denke ich an das Messer. Ein unbedachtes Zucken nur, und die Klinge in Madames Hand hatte sich in den Schenkel des Liebhabers gebohrt, Blutfontäne, Notaufnahme, mit Messern ist sie vorsichtig geworden, aber dieses eine, das habe sie behalten: ein Souvenir, fast sentimental könnte man das nennen. An der Klinge klebe noch immer ein bisschen Blut.

          Madame hat uns ein paar Stunden zuvor die Geschichte erzählt, bei Martinis und Fingerfood, ich kannte sie schon. Sie steht fast Wort für Wort in einem ihrer Bücher. Die sind der Grund, warum ich meine Reise unternommen habe. Jetzt stehen wir an der Metrostation, der Abend ist zu Ende, und Madame streift ihren Handschuh ab, und dann ist es Zeit. Ich gucke sie fragend an, sie nickt, und dann beuge ich mich herunter: mein allererster ernstgemeinter Handkuss. Wer liebt, wechselt das Jahrhundert, schreibt Roger Willemsen. Dasselbe gilt für jeden, der Catherine Robbe-Grillet zur Cocktailstunde trifft.

          Verboten, vergriffen, verfilmt

          Catherine Robbe-Grillet ist die Witwe des Schriftstellers und Filmemachers Alain Robbe-Grillet und bekannt unter ihren Pseudonymen Jeanne de Berg beziehungsweise Jean de Berg. In Frankreich und den Vereinigten Staaten ist sie sehr viel berühmter als hierzulande. Ihr Debüt „L’Image“, ein Roman über eine sadomasochistische Beziehung zwischen zwei Frauen und einem Mann, wurde 1956 in Frankreich zum Skandal, war sofort verboten und noch schneller vergriffen und wurde später verfilmt. 1985 erschien Robbe-Grillets internationaler Durchbruch, „Cérémonies de Femmes“, bei dem angesehenen französischen Literaturverlag Grasset: unaufgeregt-präzise geschilderte erotische Zeremonien mit Robbe-Grillet als eine Art sadomasochistischer Hohepriesterin.

          Catherine Robbe-Grillet hat seitdem weiter geschrieben und veröffentlicht und äußert sich, wann immer es ihr nötig erscheint, zu gesellschaftspolitischen Themen, etwa zur Liberalisierung der Sexarbeit in Frankreich. Ich teile nicht jede ihrer Ansichten, und auch der Gaddafi-Diamant irritiert mich mehr, als ich zugeben mag; und doch finde ich etwas an Madame außerordentlich anziehend; etwas, das mir in Deutschland unter den Schreibenden noch nicht begegnet ist. Madame ist köstlich inkorrekt, und so klein und zerbrechlich sie wirken mag: Vor mir sitzt ein waschechter Libertin. Die sind selten geworden, selbst in Frankreich.

          Umweht von einem Hauch der Adelslibertinage

          Mit ihren beinahe neunzig Jahren lebt Madame mit ihrer Ehefrau, der dreißig Jahre jüngeren Schauspielerin Beverly Charpentier, auf einem kleinen Landschloss in der Normandie, stets umweht von einem Hauch der Adelslibertinage des achtzehnten Jahrhunderts, und verhält sich dort auch noch alles andere als altersgemäß: Statt Waffeleisen schwingt sie Brenneisen (für die Markierung der Haut ihrer Gespielinnen), und statt gepflegter intellektueller Gesprächssalons hält sie noch immer regelmäßig erotischen Zeremonien ab, bei denen sie mit höchster Kunstfertigkeit und Detailtreue Motive aus der Kulturgeschichte zu tableaus vivants werden lässt.

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