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Catherine Robbe-Grillet : Warum Madame tut, was sie tut

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Wer sich schreibend der Sexualität nähern will, greift nach einem glitschigen Ding. Die physische Realität der mehr oder weniger kompliziert miteinander verwickelten Körperteile ist nicht das, was wir erleben, wenn wir mit anderen schlafen. Das, was mich als Schreibende am Gegenstand der Sexualität wirklich interessiert, schwebt eine Handbreit über den Betten, und je entschlossener ich danach greife, desto sicherer flutscht es mir aus der Schreibhand und entzieht sich jeglicher Formulierbarkeit. Ganz einfach mit Genuss an der Sache über Sexualität zu schreiben ist mir bisher noch nie in den Sinn gekommen: zu transzendent die Angelegenheit, zu ernsthaft das Spiel. Und die da macht das einfach. Uff.

Wer in Deutschland über Sexualität schreibt, hat noch ein ganz anderes Problem. Es gibt hier keine Tradition der anspruchsvollen Sex-Erzählung, sei sie erotisch oder analytisch (oder gar beides, wie es Robbe-Grillet in den „Cérémonies“ gelingt oder Anaïs Nin, wenn sie einmal nicht die Kitschkurve schrammt). Wir sind das Volk, das sexuelle Freizügigkeit damit verwechselt, dass wir Amorelie-Sexspielzeuge jetzt auch in DM-Drogerien kaufen können. Für Erregung war jahrzehntelang Heinz G. Konsalik verantwortlich. Paul Nizon, dem nachgesagt wird, er habe das deutschsprachige Schreiben über Erotik erfunden, lebt bezeichnenderweise seit Jahrzehnten in Frankreich. Es gibt keinen Kanon erotischer deutscher Literatur, während in Frankreich erotische Werke selbstverständlich zu den Klassikern gehören, von de Sade über Pauline Réage bis Benoîte Groult.

Erotisch zu schreiben traut sich niemand

Wer heute über Sexualität schreibt, meint es immer irgendwie, es wird politisiert und intellektualisiert. Sexualität ist nie Selbstzweck, der Text soll über sich hinausweisen, um kunstwürdig zu sein. Ich zähle mich dazu. Ich habe einen Roman über Sexualität geschrieben, aber nicht mehr als einige wenige geglückte erotische Zeilen. Seit Charlotte Roche ist es nicht schwer, in autofiktionalen Kreisen zu stampfen und „Ficken, ficken, ficken“ zu schreien, politisch hochgerüstet und ästhetisch mittellos. Erotisch zu schreiben traut sich niemand. Dabei hat sich das vermeintlich wichtigste Kriterium der Kunstwürdigkeit – dass Literatur in den sublimen Sphären des Geistes zu verbleiben und keinesfalls auf den Körper des Lesenden zu wirken habe – selbst entlarvt. Wie oft gelten verkopfteste Texte als besonders literarisch, die unleugbar eine körperliche Wirkung auf uns haben: Sie machen uns müde.

Wir stehen an der Metrostation, Madames Hand schlüpft zurück in ihren Handschuh, und es ist Zeit für eine letzte Frage: Wie also schreibt man erotisch, Madame, als Erotikzerdenkerin in einem Land voller Erotikzerdenker? – Man fange bei der Sprache an, sagt Madame. Sie habe Glück gehabt, ihre sei schon da gewesen. Das Englische sei leider völlig ungeeignet, nichts zu machen. Fürs Deutsche wisse sie das nicht genau. – Ehrlich gesagt: ich auch nicht. Und vielleicht ist das auch ein Glück: dass wir uns zusammen noch eine erotische Sprache erfinden dürfen oder jeder für sich. Madame macht plötzlich einen winzigen Knicks vor mir, und da ist etwas Warmes auf meinem Handrücken: ein Handkuss. Ich höre auf zu grübeln und fühle. Die Magnolienbäume in den Pariser Parks blühen, aber man darf sich nicht täuschen: Diese Frühlingsnächte in Paris sind doch noch kalt. Oder warum zittere ich auf dem Heimweg?

Leona Stahlmann ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg. Zuletzt erschien ihr Roman „Der Defekt“ (Kein & Aber).

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