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Ein Spitzelgeständnis : Mitteilungen eines Privatmannes

Werner Söllner Bild: Frank Röth

Auf einer Münchner Tagung wollen deutsche Autoren aus Rumänien über ihre Securitate-Akten reden. Da offenbart sich plötzlich einer von ihnen als Spitzel, auch von Herta Müller - Werner Söllner, der seit 2002 das Hessische Literaturforum in Frankfurt leitet.

          Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die meisten Teilnehmer im großen Veranstaltungssaal der Sudentendeutschen Stiftung in München trifft es völlig unvorbereitet, als der Tagungsverlauf für eine persönliche Erklärung unterbrochen wird. Weit mehr als zweihundert Zuhörer haben sich hier versammelt, um den Vorträgen zu lauschen, in denen Autoren wie Richard Wagner, William Totok, Franz Hodjak, Helmuth Frauendorfer und andere über ihre Opferakten sprechen. „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ lautet der Titel der Tagung, zu der Historiker und Studenten gekommen sind, aber vor allem viele ehemalige Dissidenten sowie zahlreiche Angehörige der Landsmannschaften der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Was hier stattfindet, ist nicht zuletzt ein Heimattreffen der unheimlichen Art: ein Saal voll alter Wunden und offener Rechnungen.

          Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen

          Werner Söllner bleibt vor dem Podium stehen, auf dem bereits die Referenten sitzen. Er geht nicht hinauf, tritt nicht ans Rednerpult, sondern verliest seine Erklärung stehend. Gerade hatte hier noch der Germanist Peter Motzan versichert, dass IM „Sando“, der achtzehn der insgesamt 82 in Motzans Akte befindlichen Berichte verfasst hat, keineswegs mit dem Schriftsteller Horst Samson identisch sei, dessen Opferakte den Decknamen „Sando“ trägt. Tags zuvor hatte Cristina Anisescu in ihrem Vortrag über die Methoden der Securitate berichtet, dass die Decknamen häufig so gewählt wurden, dass eine entfernte Ähnlichkeit auf den Klarnamen oder die Berufsbezeichnung des Betreffenden verwies: Franz Hodjak hieß „Horatio“, Samson wurde zu „Sando“ und Richard Wagner war „Ziaristul“, der „Journalist“. Werner Söllner war Walter.

          Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971. Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift „Echinox“, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten. Da beging er den ersten Fehler: Söllner bot an, die Vorwürfe in Gesprächen aufzuklären. Nun wurden ihm eigene Gedichte vorgelegt, von staatsfeindlichem Verhalten war die Rede. Und während der Druck auf den Studenten verstärkt wurde, lenkten die Offiziere zugleich die Gespräche auch in eine andere Richtung - „ohne dass ich das zunächst bemerkt hätte“. Jeder im Saal ahnt, was der hagere , introvertiert wirkende Mann als nächstes mit leiser Stimme von seinem vorbereiteten Blatt lesen wird: Die Securitate erkundigte sich zunehmend nach Freunden und Kollegen, ihren Ansichten und Überzeugungen, Zusammenkünften und Absichten. Gefragt wurde noch der verängstigte Student und Lyriker Söllner, aber die Antworten gab schon der Spitzel namens Walter: „Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen.“

          Er hat mich herausgehauen

          Danach herrscht Stille im Saal. Söllner ist alles andere als eine Randfigur der deutschen Literatur in Rumänien. Seine von Celan beeinflussten Gedichte, von denen manche in dieser Zeitung zuerst veröffentlicht wurden, trugen ihm namhafte Auszeichnungen wie die Förderpreise der Gryphius- und Hölderlin-Preise ein, er übersetzte die Gedichte Mircea Dinescus ins Deutsche, wurde Leiter des Hessischen Literaturforums und hielt 1993 die Frankfurter Poetikvorlesungen. Vier Jahre zuvor hatte er den Deutschen Sprachpreis erhalten, zusammen mit seinen Freunden, von denen einige vor wenigen Monaten ihre Opferakten verglichen haben: Gerhardt Csejka, Helmuth Frauendorfer, Klaus Hensel, Herta Müller, Johann Lippet, William Totok und Richard Wagner.

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